Geschrieben von: Andrea Przyklenk   

Politiker trotzen der Krise

Der edelste aller Montblanc-Füller: das „Mystery Masterpiece“.

Bild: Montblanc

Auf dem ersten deutsche Marken- und Designkongress am 25./26. November 2009 im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau in Dresden beschäftigten sich die Teilnehmer mit der Nachhaltigkeit von Luxus. Dabei wurde festgestellt, dass auch die Hersteller von Luxusgütern nicht von der Wirtschafts- und Finanzkrise verschont bleiben. Es gebe Anzeichen, dass die Branche in diesem Jahr «Federn lassen» müsse.

Irgendwann trifft die Krise eben alle. Obwohl natürlich fraglich ist, weshalb ein Millionär sich den Champagner nicht mehr leisten oder seiner Freundin keinen Klunker mehr kaufen kann. Gut, es müssen nicht jedes Jahr 20 Paar Louboutins oder Manolos sein, aber eigentlich sind auch das Peanuts. Doch darben muss die Luxusgüterbranche nicht. Immerhin gibt es noch ausgabefreudige Politiker, die alles tun, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Geopfert haben sich sozusagen 115 Bundestagsabgeordnete. Wohl ahnend, dass die Öffentlichkeit ihren Einsatz nicht goutieren würde, haben sie eine beispiellose Rettungsaktion für die heimische Luxusgüterindustrie gestartet. Zwischen Januar und Oktober haben sie sich in aller Stille insgesamt 396 stilvolle Schreibgeräte der Marke Montblanc bestellt. Das macht pro Füller oder Stift einen Durchschnittspreis von nicht ganz 174 Euro. Auf jeden Abgeordneten kommen rechnerisch knapp 600 Euro. Das heißt, theoretisch hat sich jeder der 115 Aufrechten 3,5 Schreibgeräte bestellt. Waren wohl doch einige bescheidener als andere, denn mit einem halben Füller fängt man nichts an.

Obwohl sich so mancher Bürger über die Verschwendung seiner Steuergelder erregen mag – alles ging völlig legal und mit rechten Dingen zu, denn die Abgeordneten haben die Möglichkeit, Bürokosten im Rahmen eines Kontos für Sachleistungen abzurechnen. Der Zusatztopf für Büromaterial müsse umgehend abgeschafft werden, forderte sogleich der Bund der Steuerzahler. Doch wer subventioniert dann in der Krise die Luxusindustrie? Opel wird wohl mit weitaus höheren Zahlungen subventioniert. Und abgesehen davon, dass ein Opel auf keinen Fall ein Luxusgut ist – von den Subventionen kriegt keiner einen Opel – nicht mal die Abgeordneten.

Und im Übrigen: Bleiben wir doch fair – vielleicht hat das edle Schreibgerät ja zur Folge, dass in Zukunft spannendere Reden aus den Federn der Politiker fließen, auch wenn sie in der öffentlichen Meinung mal wieder Federn lassen müssen. Außerdem wollte sich keiner der Abgeordneten das „Mystery Masterpiece“ bestellen. Das hätte bei einem Wert von 730.000 US-Dollar die Staatsverschuldung doch noch einmal merklich in die Höhe getrieben.

 
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