Der Brand, der aus der Kälte kommt:
Swiss Highland Single Malt Whisky
Connaisseurs sind begeistert, erfahrene Juroren verleihen ihm eine Auszeichnung nach der anderen, und mancher Freund hochwertiger schottischer Brände muss umdenken: Einer der besten Whiskys kommt aus der Schweiz. Die Top-Marke „Ice Label“ reift in einer Eisgrotte auf dem Jungfraujoch. Wir besuchten die Rugen Distillery in Interlaken.
Die Schweiz mag mit einer Fülle von Standort-Vorteilen punkten, aber zumindest in einer Hinsicht ist sie geografisch benachteiligt: Sie hat keinen Zugang zum Meer. Für eine Brauerei spielt das keine Rolle, für eine Whisky-Distillery kann es zumindest unter Marketing-Aspekten einen Nachteil bergen: „In Schottland heißt es oft, die Qualität des dortigen Whiskys sei nicht zuletzt auf das Meeresklima zurückzuführen. Damit können wir in der Schweiz leider nicht dienen“, sagt Bruno Hofweber, CEO der Rugenbräu AG in Interlaken. „Deshalb dachten wir über Alternativen nach“.
Auf den Geschmack des Bieres hat es keinen Einfluss, ob es nun im Berner Oberland oder im raueren Klima auf Atlantikinseln gebraut wird. Dass Hofweber dennoch darüber nachdachte, wie er diesen kleinen Standort-Nachteil ausgleichen konnte und zu welch spektakulärer Lösung auf höchstem Niveau er schließlich kam, ist eine längere Geschichte mit mehreren Handlungssträngen. Darin spielen eher profane Dinge wie die 1999 in Kraft getretene Reform der Schweizer Alkoholverordnung eine ebenso wichtige Rolle wie der Ehrgeiz Bruno Hofwebers, den Markt mit innovativen Produkten von höchster Qualität zu überraschen. Weitere Protagonisten sind der langjährige Braumeister und jetzige Master Distiller Philipp Adler und der renommierte schottische Whisky-Experte Jim McEwan. Eine historische Nebenrolle spielt schließlich Adolf Guyer-Zeller.
Kern der außergewöhnlichen Schweizer Whisky-Karriere ist eine traditionsreiche Brauerei in Interlaken. In vierter Generation führt Bruno Hofweber dieses Unternehmen, dessen Logo man in weiten Teilen des Berner Oberlandes begegnet. „Das traditionelle Angebot von Lager- und Spezialbier haben wir im Laufe der Zeit mit besonderen Bier-Spezialitäten ergänzt“, sagt Hofweber. „Aber natürlich setzen wir nicht nur auf Produkt-Innovationen, sondern investieren laufend in neueste Technologie“.
Vom Bockbier zum Bierbrand
Wein verhält sich zu Weinbrand wie Bier zu Whisky. Was also lag näher, als über eine hochprozentige Bierspezialität nachzudenken? Zumal mit Inkrafttreten der neuen Schweizer Alkoholverordnung zum 1. Juli 1999 gesetzgeberische Hürden aus dem Weg geräumt wurden. Kaum waren die bürokratischen Ampeln auf „Grün“ geschaltet, präsentierte die Rugenbräu AG den ersten in der Schweiz destillierten Bierbrand. Die in schlanke Flaschen abgefüllte Spirituose trägt den imageträchtigen Namen „Fleur de Bière d’Interlaken“ und wird aus untergärigem Bockbier mit 18 Prozent Stammwürze destilliert (für alle Weintrinker: die Stammwürze beim Bier entspricht dem Oechsle-Grad bei Rebensäften). „Seither ist es uns gelungen, unseren Bierbrand, der einen Alkoholgehalt von 43 % Vol. aufweist, stetig zu verfeinern und somit ein sehr hohes Qualitätsniveau zu erreichen“, freut sich Bruno Hofweber. Dazu gehört, dass der Bierbrand – ähnlich wie der edle Single Malt Whisky aus Schottland – im klassischen Pot Still-Verfahren zweifach destilliert wird. Aus 1000 Litern Bockbier entstehen so rund 100 Liter „Fleur de Bière d’Interlaken“. Seine weiche und fruchtige Note verleiht diesem Bierbrand eine angenehme Sanftheit.
Von einem Bierbrand zum Whisky ist es nur ein kleiner Schritt – zumindest theoretisch. Während beim Bierbrand Hopfen ins Spiel kommt, fehlt dieser Rohstoff bei der Whiskyherstellung. Nach der gelungenen Premiere des Bierbrandes fasste Bruno Hofweber den Entschluss, künftig auch Whisky zu brennen – Schweizer Whisky, versteht sich. Und er fand gleich einen wichtigen Verbündeten: Philipp Adler, langjähriger Braumeister, hatte noch keine Lust auf den ihm eigentlich zustehenden Ruhestand und kümmert sich seit nunmehr über zehn Jahren um den Whisky aus dem Berner Oberland.
Ambitionierte Pläne zu entwickeln – das ist eine Sache. Sie am Markt umzusetzen, eine andere. Hofweber und Adler arbeiteten zwar mit führenden Spirituosen-Experten zusammen, um der Genießerschar einen wirklich überzeugenden „Swiss Whisky“ von hoher Qualität präsentieren zu können. Doch als die ersten Destillate in den Oloroso-Sherry-Fässern ihrer geschmacklichen Vollendung entgegenreiften, stellte sich der Chef die Sinnfrage: Wartete die Welt der Connaisseurs wirklich auf einen Whisky aus der Schweiz? Große Single Malt Whiskys aus Schottland mit klingenden Namen erfreuen sich rund um den Globus höchster Wertschätzung – und manche ausgewählten Destillate erzielen auf Auktionen zum Teil vierstellige Preise.
Die Reise nach Islay
„Mir war klar, dass wir einen schottischen Paten für unser Produkt brauchten“, erinnert sich Bruno Hofweber. „Jemanden, der sagt: ‚Hey, das ist gar nicht so schlecht, was ihr da herstellt“. Im Jahr 2004 las Hofweber in einem Magazin einen höchst inspirierenden Beitrag über die weltweit angesehene Whisky-Koryphäe Jim McEwan. Der Schweizer wandte sich an den Master Distiller auf der Insel Islay mit der Bitte, den Whisky aus Interlaken zu degustieren und zu bewerten. Es dauerte fast drei Jahre, bis der persönliche Kontakt zustande kam – und der Ausflug ins schottische Whisky-Dorado begann im wahrsten Sinne des Wortes turbulent: „Wir kamen nach einer langen und umständlichen Reise bei schwerem Sturm auf der Insel Islay an und stellten zu unserem Entsetzen fest, dass die Koffer mit den Whiskyflaschen abhanden gekommen waren. Worst case!“, erinnert sich Hofweber.
Glücklicherweise wurde das Gepäck mit dem hochprozentigen Inhalt bald wieder gefunden, doch ob sich die lange Anreise wirklich lohnen sollte, war bis zuletzt fraglich. Jim McEwan machte zunächst wenig Hoffnung. Er bekomme pro Jahr Hunderte von Whiskyproben und werde um ein Urteil gebeten, berichtete er. Die meisten Destillate seien aber einfach nur schlecht.
Da war es für Bruno Hofweber fast schon eine Ehre, dass sich McEwan sehr intensiv mit dem Whisky aus der Schweiz beschäftigte. Die erste Degustation dauerte etwa eine Dreiviertelstunde – und das Urteil klang zumindest nicht entmutigend: „Das ist gar nicht so schlecht“, murmelte der Master Distiller aus Schottland leise vor sich hin. Nach der zweiten Degustationsrunde fiel die Bewertung dagegen fast schon enthusiastisch aus: „Your stuff is excellent“. Hofweber fiel ein Stein vom Herzen, zumal sich Jim McEwan später, nach einem Besuch in den gewölbten Felsenkellern im Rugen, sogar bereit erklärte, die Patenschaft für den Swiss Highland Single Malt Whisky aus Interlaken zu übernehmen. Nach seinem Urteil ist es der beste Whisky, den er außerhalb Schottlands getrunken habe.
Lagerung im Eismeer
Nun konnte Bruno Hofweber also auf einen der weltweit renommiertesten Whisky-Kenner als Paten verweisen. Und auch eine innovative Lösung für das im Berner Oberland nicht vorhandene Meeresklima war bald gefunden: „Wir lagern unseren Whisky im Eismeer“, freut sich der Unternehmer. Heißt konkret: Ein Teil der Destillate reift nach der Abfüllung ins Oloroso-Sherry-Fass in einer Eisgrotte auf dem Jungfraujoch – exakt 3454 Meter über dem Meeresspiegel. Der Swiss Highland Single Malt Whisky „Ice Label“ kommt in limitierter Auflage und unfiltriert in Fass-Stärke (58,9 % Vol.) auf den Markt. „Diese absolute Whisky-Spezialität genießt man allenfalls mit ein wenig Wasser, aber absolut ohne Eis. Das lassen wir auf dem Berg, wo dieser Whisky im sicher einzigartigsten Keller ausreift“, sagt Bruno Hofweber augenzwinkernd.
Nicht auf dem „Top of Europe“, sondern im atemberaubenden Rugen-Felsenkeller wird der Swiss Highland Single Malt „Classic“ gelagert – ebenfalls natürlich in Oloroso-Sherry-Fässern aus amerikanischer Weißeiche. Der außergewöhnliche Whisky mit seinen zunächst leicht süßlichen, später fruchtigen Aromen zeichnet sich trotz seines relativ jungen Alters durch eine unglaublich milde Reife aus. Der Alkoholgehalt des „Classic“ liegt bei 46 % Vol..
Somit bliebe nur noch die eingangs erwähnte Nebenrolle von Adolf Guyer-Zeller. Obwohl – im Jahr 2012 könnte aus dieser Nebenrolle unversehens eine Hauptrolle werden. Von ihm stammen die kühnen Pläne für eine Bahnverbindung auf das Jungfraujoch. Nach 16 Jahren Bauzeit wurde am 1. August 1912 die höchste Eisenbahnstation eingeweiht und der Eisenbahnverkehr zum „Top of Europe“ aufgenommen. Zum 100jährigen Jubiläum der Jungfraubahn wird Bruno Hofweber einen besonderen Whisky in streng limitierter Auflage anbieten. Das Destillat reift bereits im Rugen-Felsenkeller aus.
Einige Etagen darüber kann der Besucher seit Ende 2010 die Rugen Distillery bewundern. Die Brennerei befindet sich direkt über dem Sudhaus. „Eine für die Schweiz wohl einzigartige Präsentation“, freut sich Bruno Hofweber – und gönnt sich einen Schluck „Ice Label“ - Whisky aus der Rugen Distillery.
Bilder: Rugenbräu AG, Interlaken
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