Geschrieben von: Michael Brückner   

Grieb, Benzinger & Bartkowiak:
Das „Platinum-Triptychon“

Uhren der Extraklasse

Uhrren-Unikat

Unter dem Namen Grieb & Benzinger Platinum fertigt ein kleines Team von Enthusiasten Uhren-Unikate der Extraklasse. Obwohl diese Zeitmesser den Gegenwert einer Eigentumswohnung in guter Lage repräsentieren, finden sie begeisterte Käufer. Wir besuchten die Uhrenkünstler in Pforzheim.

„Wo ist denn unser Ührle?“, fragt Georg Bartkowiak in die Runde, als er das Pforzheimer Atelier seines Geschäftspartners Jochen Benzinger betritt. Der sitzt gerade an einer 120 Jahre alten Guillochiermaschine und deutet stumm auf seinen Schreibtisch. Dort, zwischen einem Stapel mit Zeichnungen, alten Büchern und Bergen von Fachzeitschriften liegt das „Ührle“. Was nach einem netten kleinen Zeitmesser für schlanke Handgelenke klingt, ist in Wirklichkeit eine Uhr der Superlative. Ein Unikat - und mit 49 Millimetern Gehäusedurchmesser ein kaum zu übersehendes Meisterwerk. Im Inneren tickt ein altes feines Kaliber der Edelmanufaktur Patek Philippe. Das Gehäuse besteht aus Platin, dem teuersten Edelmetall, das in der Schmuck- und Uhrenbranche verarbeitet wird. Und auch den Preis darf man wohl ohne Übertreibung als anspruchsvoll bezeichnen: „Diese Uhr wird als Einzelstück später etwa 250.000 Euro kosten“.

Da fühlt man sich als Uhrenfreund ohne millionenschweres Konto schon privilegiert, wenn man ein solches Meisterwerk für ein paar Minuten in die Hand nehmen darf. Eine Uhr zum Preis einer Immobilie – aber eben ein Unikat mit historischem Innenleben und technischen Raffinessen vom Feinsten. Das Patek-Werk verfügt nämlich über eine Minutenrepetition. Georg Bartkowiak löst den Mechanismus aus, und durch den Glasboden ist zu beobachten, wie zwei Mini-Hämmer sanft gegen Tonfedern schlagen. Zuerst wird die vergangene Stunde geschlagen, dann die Viertelstunde, schließlich folgen die Minuten. Kein Wunder, dass die Minutenrepetition mit zu den aufwändigsten und dadurch auch teuersten Komplikationen zählt.

Das „Platinum-Triptychon“ - Grieb, Benzinger & Bartkowiak

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Mittlerweile ist auch Hermann Grieb im Atelier eingetroffen. Der leidenschaftliche Sammler und begnadete Uhrmachermeister aus der Nähe von Böblingen ist der Dritte im Bunde. Das „Triptychon enthusiastischer Uhrenliebhaber, Künstler und Kunsthandwerker“, wie sich die drei schon mal selbstbewusst nennen, ist komplett. Unter dem Label „Grieb & Benzinger Platinum“ bauen sie Zeitmesser der Extraklasse, wobei sie alte Handwerkskunst und kostbare historische Werke neu interpretieren.

Dazu gehört unter anderem die Hohe Schule des Guillochierens. Jochen Benzinger ist einer der wenigen in Deutschland, die diese Kunst exzellent beherrschen. Die Lehre bei Pforzheims damaligem Obermeister der Gravierkunst reichte ihm nicht aus. Er strebte nach Höherem und brachte sich das bereits 1961 nicht mehr als Lehrberuf erlernbare Guillochieren aus purer Leidenschaft selbst bei. „Das Guillochieren entwickelte sich aus dem Kunstdrechseln. Bis ins 18. Jahrhundert galt es als ein königliches Handwerk. Die meisten Angehörigen der Hocharistokratie beherrschten es“, erzählt Benzinger. Und so war es für ihn nicht überraschend, als er vor einigen Jahren in Schloß Amalienborg in Kopenhagen eine Guillochiermaschine entdeckte.

Nur die Lampen brauchen Strom

Nüchtern betrachtet, dienen Guillochiermaschinen dazu, Guillochen, also ein spezielles Linienmuster, auf ein Metall-Werkstück einzugravieren. Angeblich soll ein Franzose namens Guilloche das Guillochieren erfunden haben. Andere führen diesen Begriff auf das französische Wort für Grabstickel zurück. Dabei handelt es sich um ein Gravierwerkzeug. In der Uhren- und Schmuckbranche waren begabte Guillochierkünstler schon früh sehr gefragt. Carl Fabergé und der berühmte Uhrmacher Abraham Louis Breguet, der unter anderem das erste Tourbillon entwickelte, schmückten ihre Meisterstücke mit kunstvoll eingravierten Guillochen.

Breguet ist für Jochen Benzinger ein großes Vorbild. In seinem Atelier an der Peripherie der Pforzheimer Innenstadt veredelt er seit Jahren in akribischer Kleinarbeit wertvolle Uhrenunikate. Namhafte Marken wie IWC und Chronoswiss fragen Benzingers Handwerkskunst nach, wenn es gilt, außergewöhnliche Sonderserien und Limited Editions zu kreieren. Darüber hinaus entwirft und baut er eigene und streng limitierte Uhren für ausgesuchte Juweliere weltweit. „Hier entstehen handgravierte, handskelettierte und handguillochierte Uhrenunikate“, erläutert der Meister.

Der Uhrenkünstler von Schloss Dätzingen

Uhr der Extraklasse

Von einer ähnlichen Leidenschaft beseelt ist Hermann Grieb. Sein Können und seine Erfahrung investiert er in die traditionelle Restauration von alten Uhrwerken. Er ist Uhrmacher, Künstler und Sammler gleichermaßen. Und manche nennen ihn den „Meister der Schwingung“. Wir treffen Hermann Grieb in seiner Werkstatt in Schloss Dätzingen in Grafenau bei Böblingen. Und wir müssen gestehen: Noch nie sahen wir so viele Uhren in so kleinen Räumen aufbewahrt. Nahezu alles, was tickt, ist hier zu finden. Von der teuren Luxusarmbanduhr bis hin zu russischen Borduhren, die einst in den Kampfflugzeugen vom Typ MIG ihren Dienst verrichteten. „Wir haben alles, außer Platz“, sagt Hermann Grieb. Irgendwie klingt dies wie der Werbeslogan des Bundeslandes Baden-Württemberg: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“.

Hermann Grieb zeigt uns seine Konstruktionszeichnungen für ein Tourbillon, an dem er gerade arbeitet – und das irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft die Kollektion von Grieb & Benzinger bereichern dürfte. Dann führt er uns in einen Nebenraum, öffnet feierlich die schwere Tür seines Tresors und präsentiert uns seine Schätze: historische Uhrwerke aus den besten Manufakturen der Welt. Stolz zeigt uns Grieb seine Klassiker von Patek Philippe und Vacheron Constantin. Mit der Spürnase eines Detektivs ist Hermann Grieb ständig auf Auktionen im In- und Ausland – immer auf der Suche nach historischen Uhrwerken, die er dank seiner Handwerkskunst neu interpretieren kann. Bis ins kleinste Detail werden die filigranen Kunstwerke zerlegt und restauriert. Und mit beinahe jedem dieser Werke verbinden sich Geschichten und Anekdoten, die Hermann Grieb gern erzählt.

Georg Bartkowiak komplettiert das Platinum-Trio. Er begann bereits während seines Wirtschaftsstudiums mit der Entwicklung ausgefallener Uhrendesigns und –konzepte. Als Spezialist für technische und gestalterische Produktentwicklung hat Bartkowiak regelrechte Ikonen geschaffen und dadurch vielen Firmen zum Erfolg verholfen. Einige seiner Kreationen entwarf er exklusiv für internationale Königshäuser und V.I.P.-Kunden. Ehrensache, dass er keine Namen nennen möchte.

Die drei Uhren-Enthusiasten verbindet nicht nur eine langjährige Freundschaft, sondern zudem der Wille, herausragende Unikate der Horlogerie zu schaffen und damit einen Kontrapunkt zur Massenproduktion der Luxuskonzerne zu setzen. Ein Uhrwerksveredeler von bestem Ruf, ein begeisterter Uhrmacher mit exzellenten Kontakten und ein junges Design-Talent – was lag da näher, als diese unterschiedlichen Begabungen zusammenzuführen, um einzigartige Meisterwerke der Uhrmacherkunst zu schaffen? So entstand die Idee zum Projekt „Grieb & Benzinger Platinum“. Die Philosophie, die dahinter steht, ist schnell erklärt: Es geht darum, mit alten Maschinen und historischen Werken außergewöhnliche Unikate mit einem modernen Design zu schaffen. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen zu außergewöhnlichen Zeitmessern. Damit dies mit größtmöglicher Authentizität gelingt, darf keine High tech-Maschine den Platinum-Uhren von Grieb & Benzinger auf die Pelle rücken. Gefragt sind Handarbeit und der Einsatz historischer Maschinen. Wahr ist aber auch: Nur die wenigsten Uhrenfreunde können sich solche Unikate leisten. Die Klientel wird folglich in erster Linie in Russland sowie im Mittleren und Fernen Osten gesucht.

Zeitzeugen der Uhrwerksgeschichte

Der solvente Kunde hat die Wahl unter verschiedenen historischen Werken aus bedeutenden Manufakturen. Überwiegend handelt es sich jedoch um Uhrwerke von Patek Philippe. Das ausgewählte Werk wird von Hermann Grieb vollständig zerlegt, restauriert und anschließend wieder zusammengebaut. „Um wirklich perfekt zu sein, braucht jeder von uns vor allem drei Dinge: Zeit, Zeit und noch mal Zeit“. Das ist heute nicht anders als vor 100 Jahren“, weiß Grieb. Für das Design sowie die Veredelung von Werk und Gehäuse sind dann Georg Bartkowiak und Jochen Benzinger zuständig. „Hochwertige Handarbeit und ausgefeilte Veredelungstechniken sind für uns gleichsam Zeitzeugen der Uhrwerksgeschichte“, sagt Bartkowiak.

Feinste Handarbeit

Wir werfen noch einmal einen faszinierten Blick auf das „Ührle“, sprich: auf die Minutenrepetion mit dem Gegenwert eine Immobilie. Das Zifferblatt ist skelettiert und gestattet tiefe Einblicke in das historische Werk von Patek Philippe. Vom Zifferblatt übrig geblieben sind im wesentlichen drei Ringe, auf denen gebläute Stahlzeiger ihre Runden drehen und Stunden, Minuten und Sekunden anzeigen. Der größte Ring dient dabei der Minutenanzeige, denn das Werk wurde zu einem Regulator umgebaut. Die Grundplatine ist handguillochiert und mit blauem Platin beschichtet, auch die Brücken und Kloben wurden von Meisterhand guillochiert. Die Uhr verfügt über eine Kompensations-Schraubenunruh mit gebläuter Breguetspirale. Zwei polierte Stahlhämmer schlagen auf zwei Tonfedern Stunden, Viertelstunden und Minuten. Und wie der Name „Grieb & Benzinger Platinum“ schon sagt, wurde das Gehäuse aus Platin hergestellt.

Ein weiteres Merkmal fällt auf: Die Farbe Blau spielt für das Platinum-Team offenkundig eine besondere Rolle. „Die von uns verwendeten Werke stammen überwiegend aus den Jahren 1880 bis 1930“, erläutert Jochen Benzinger. „Das war auch die Wirkenszeit großer Künstler wie Wassily Kandinsky, Claude Monet und Pablo Picasso“. Benzinger erinnert beispielhaft an Picassos „Blaue Periode“. Und auch in der Uhrmacherkunst gibt es prominente Beispiele für die blaue Inspiration. Charles Oudin etwa, vielleicht der beste Schüler von Louis Abraham Breguet, baute schon um 1820 gebläute Werke, die heute als ausgesprochene Raritäten gelten. „Als Hommage an Charles Oudin sind alle Werke von ‚Grieb & Benzinger Platinum’ teilweise oder ganz in Blau-Platin beschichtet“, erläutert Benzinger. Damit sei man die weltweit einzige Marke, die aus Respekt vor dieser großen Tradition konsequent alle Uhrwerke in Blau präsentiere.

Respekt vor der Tradition bedeutet für das Trio andererseits aber nicht, in Ehrfurcht gleichsam zu erstarren. Mit anderen Worten: Grieb, Benzinger und Bartkowiak geht es nicht nur darum zu restaurieren und zu konservieren, sondern neu zu interpretieren. Natürlich hat bei einer Restaurierung die weitgehende Erhaltung des Originalzustandes höchste Priorität. „Wenn wir aber die unterschiedlichsten Elemente historischer Uhrwerke erfolgreich ‚wiederbeleben’ und unseren höchsten Qualitätsansprüchen gerecht werden wollen, müssen wir jedes einzelne Teilchen mit Argusaugen prüfen“, erläutert Hermann Grieb. Dann werde entweder sorgfältig restauriert oder – sollte dies unvermeidbar sein – ein nicht mehr restaurierbares Teil neu angefertigt.

Der Anspruch, historische Werke neu zu interpretieren, zeigt sich auch in anderer Hinsicht. So werden zum Beispiel Funktionen und Anzeigen der Uhr auf speziellen Kundenwunsch modifiziert. Im Fall der Minutenrepetition etwa entschied man sich – wie erwähnt - für eine Regulatoranzeige, bei der es vorrangig auf die Minuten ankommt. „Wir wollen unseren Kunden Unikate bieten mit historischen Klassikern in neuem Platingewand und zeitgenössisch interpretiert dank vollendeter Uhrmacherkunst und edelstem Gravur- und Guillochierhandwerk“, schwärmt Jochen Benzinger.

Und wenn nach unzähligen Stunden das Meisterwerk endlich vollendet ist und in einer blauen Aktentasche aus feinstem Leder (Georg Bartkowiak: „Eine Holzbox hat doch jeder“) dem Kunden überreicht wird, hat das kreative Trio meist eine so innige Beziehung zu dem neuinterpretierten Klassiker aufgebaut, dass man bisweilen eben fast liebevoll von einem „Ührle“ spricht – selbst wenn die tickende Kapitalanlage ein Investment von weit über 200.000 Euro erfordert.

 

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