Geschrieben von: Michael Brückner   

Der Uhrenkünstler
aus Sankt Petersburg

Bild: Konstantin Chaykin

Er ist erst 35 Jahre und gehört zu den renommiertesten Uhren-Künstlern Europas: Konstantin Chaykin überraschte die Fachwelt in den vergangenen Jahren mit kompliziertesten Zeitmessern und dem ersten original russischen Tourbillon. Dabei hat der Sankt Petersburger nie eine Uhrmacherlehre absolviert Was macht ihn so erfolgreich, was treibt ihn an? Die Luxus-Momente-Redaktion hat nachgefragt.

Wohlmeinende Zeitgenossen mögen - allenfalls milde lächelnd - das Vorhaben des jungen Mannes als äußerst ehrgeizig und kaum realisierbar erachtet haben. Andere dürften hinter vorgehaltener Hand vermutlich über die Spinnereien des Russen gelästert haben. Und tatsächlich: Was sich Konstantin Chaykin vor einigen Jahren vorgenommen hatte, war eine ganz ungewöhnliche Herausforderung. Selbst ein erfahrener Fachmann hätte wohl seine liebe Not gehabt, dieses höchst anspruchsvolle Projekt erfolgreich umzusetzen.

Bild: Konstantin Chaykin

Konstantin Chaykin aber war Autodidakt, mit der feinen Uhrmacherei hatte er zunächst rein gar nichts zu tun. Er absolvierte eine Ausbildung in einem Telekommunikations-Unternehmen und arbeitete anschließend in einer Möbelfabrik. Zu Beginn des neuen Jahrtausends fasste er dann einen Entschluss, den nicht wenige für eine Schnapsidee hielten. Konstantin Chaykin wollte das erste original russische Tourbillon bauen. Dabei handelt es sich um nicht weniger als die aufwändigste und somit teuerste Komplikation der Feinuhrmacherei.

Vom begnadeten Uhrmacher Abraham-Louis Breguet um 1800 für Taschenuhren entwickelt, sollte das Tourbillon (französisch für „Wirbelwind“) ursprünglich die Auswirkungen der Schwerkraft auf den Zeitmesser kompensieren und damit die Ganggenauigkeit erhöhen. Rein praktisch beurteilt, macht ein Tourbillon heute kaum noch Sinn, doch wer diese filigrane Komplikation herstellen kann, gehört nach wie vor zu den Großen der Uhrmacherzunft. Und er darf darauf vertrauen, dass Freunde dieser feinmechanischen Kunst tief in die Tasche greifen, um einen Zeitmesser mit einem begehrten „Wirbelwind“ zu erstehen.

Konstantin Chaykin brachte indessen nichts mit, was ein Gelingen seines ambitiösen Vorhabens hätte halbwegs realistisch erscheinen lassen. Er hatte nie eine der renommierten Uhrmacherschulen von Innen gesehen, keiner seiner Vorfahren war als Uhrmacher tätig gewesen, und es gab auch keinen Sponsor, der das Vorhaben des jungen Russen aus Sankt Petersburg gefördert hätte. Eigentlich war es sogar ein Zufall, dass Chaykin mit der Welt komplizierter Uhren in Kontakt kam.

Bild:  Konstantin Chaykin

Im Jahr 2000 gründete er zusammen mit einigen Partnern ein Uhrengeschäft – und wurde in kurzer Zeit vom vielzitierten „Uhrenvirus“ befallen. Fortan verschlang er förmlich die Fachliteratur und drang immer tiefer in den Mikrokosmos komplizierter Zeitmesser ein. Ihn ärgerten die vielen Produktionsfehler, die manchem Uhrenfreund den Spaß an seinem guten Stück vergällten, und so gründete Chaykin ein Uhrenreparatur- und Restaurationszentrum. Immer intensiver beschäftigte er sich nun mit dem Innenleben der tickenden Meisterstücke.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis er den Wunsch verspürte, seinen eigenen, ganz individuellen Zeitmesser zu schaffen. Schon im Jahr 2003 war es soweit: Chaykin fertigte seine erste goldene Armbanduhr und schenkte sie seinem Vater zum 50. Geburtstag. Im Inneren der Uhr tickte zwar ein Standardkaliber von ETA, doch Chaykin hatte das Werk modifiziert und ziemlich aufwändig dekoriert. In der Tat war es eine ganz individuelle Uhr, die es nur einmal gab.

Bild: Konstantin Chaykin

Beflügelt von diesem ersten Erfolg, gelang Chaykin ein Jahr später die Verwirklichung seines Traums: Er schuf eine Tischuhr mit Tourbillon, die zugleich die erste russische Uhr der Klasse „Grand Complication“ war. Wiederum ein Jahr später versetzte Konstantin Chaykin die Fachwelt abermals in Erstaunen: Auf einer Moskauer Ausstellung präsentierte er die weltweit erste Uhr mit patentierter orthodoxer Osterdatumsanzeige. Im Jahr 2006 folgte eine Uhr mit muslimischem Kalender, die ebenfalls patentiert wurde. Wenig später stellte Chaykin eine Uhr mit orthodoxem Osterkalender vor, den er mit der sehr schwierigen Funktion eines Zeigerindikators kombinierte. Mindestens zehn Erfindungen gehen auf den Künstler aus Sankt Petersburg zurück, darunter der astronomische Zeitmesser „Auferstehung“, der als die komplizierteste, jemals in Russland gebaute Uhr gilt.

Was muss man mitbringen, um von einem ehemaligen Laien zu einem mittlerweile in ganz Europa angesehenen Uhrenkünstler aufzusteigen? Es reiche nicht, einfach nur mechanische Systeme zusammenzufügen, sagt Konstantin Chaykin. „Meine Arbeit ist eine Kombination aus Emotionen, Ideen, Geschichte und der Liebe in das, was ich tue“, beschreibt der Sankt Petersburger sein Erfolgsgeheimnis. Zeit spielt für ihn dabei keine Rolle – wen kann das überraschen? „Ich schenke meinen Meisterstücken soviel Zeit wie erforderlich. Mal ein halbes Jahr, mal ein Jahr und mitunter sogar noch mehr. Sie sind diese Anstrengungen wert“. Und Geld scheint dabei auch nicht die dominierende Rolle zu spielen. Chaykin: „Ich habe mir keine wirtschaftlichen Ziele gesetzt. Ich wollte nur beweisen, dass alles, was große Uhrmacher wie Daniels, Frank Muller und andere schufen, auch in Russland möglich ist“.

 
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