„Billigzwiebeln“ sind
dem Image abträglich
Fragen an den Uhren-Fachautor Michael Brückner
Die Uhrenbranche schaut bereits wieder gebannt auf die beiden weltweit führenden Messen S.I.H.H (Salon International de la Haute Horlogerie) und Baselworld. Die Hersteller blicken auf ein schwieriges Jahr 2009 zurück – und auch 2010 dürfte trotz einiger Lichtblicke nicht wesentlich besser werden. Luxus-Momente-Redakteur und Uhrensammler Michael Brückner rät den Herstellern, sich wieder verstärkt auf die treuen Sammler und Uhrenliebhaber zu konzentrieren, statt Moskauer Millionäre und chinesische Neureiche zu umgarnen.
Kurt Moritz sprach mit dem Autor.
Herr Brückner, mal ehrlich: Braucht der Mensch heutzutage eigentlich noch eine Armbanduhr? Die Zeit kann er schließlich überall ablesen. Und dann wären da noch die sogenannten Uhrenverweigerer, die keine Zeitmesser tragen, weil sie sich bewusst der kurzatmigen Beschleunigungsgesellschaft entziehen wollen. Haben Sie dafür Verständnis?
Ich akzeptiere das, nachvollziehen kann ich es jedoch nicht. Man hält die Zeit nicht an, indem man die Uhr ablegt. Ebenso unsinnig wäre es, den Kalender von der Wand zu nehmen und zu hoffen, fortan nicht mehr zu altern. Und was ihre erste Frage angeht, so trifft es natürlich zu, dass heute eigentlich keiner mehr eine Armbanduhr tragen müsste. Aber natürlich brauchen wir auch keinen Wein, kein gutes Essen, keinen Urlaub, kein Auto. Wir könnten uns in beinahe allen Lebensbereichen auf die existenzerhaltenden Standards zurückziehen. Dann freilich würden wir uns sehr schnell gewahr werden, dass es zu wenig ist, einfach nur zu existieren. Es geht doch darum, zu leben.
Eine Uhr ist für Sie also ein Luxusprodukt, das dem Leben ganz einfach ein wenig Glanz gibt?
Es stimmt schon, Armbanduhren sind der Schmuck des Mannes. Und wer auf Stil und guten Geschmack Wert legt, sollte vielleicht nicht unbedingt mit einer chinesischen Billigzwiebel durch die Welt laufen, die er als Geschenk für das Jahresabo eines Manager-Magazins erhalten hat. Es muss ja nicht gleich eine Uhr sein, die sich preislich im vierstelligen Bereich bewegt. Mechanische Zeitmesser von guter Qualität gibt es schon für deutlich unter 1000 Euro. Regelmäßig gewartet und sorgfältig behandelt halten diese Uhren Jahrzehnte. Und ökologisch machen mechanische Zeitmesser ebenfalls Sinn. Denken Sie allein an die Berge von Batterien, die bei Quarzuhren im Laufe der Jahre ausgewechselt werden müssen.
Aber für manch einen dient die auffällige Armbanduhr doch in erster Linie der Befriedigung des eigenen Protzbedürfnisses, oder?
Ja, zweifellos, solche Zeitgenossen tragen bevorzugt ganz bestimmte Uhrenmarken und sind daher leicht auszumachen. Wahre Kenner beurteilen eine Uhr jedoch – um es modisch auszudrücken – ganzheitlich. Die Optik muss ansprechen, keine Frage. Als werterhaltend oder sogar wertsteigernd erweisen sich jedoch das Werk mit seinen Dekorationen und die Komplikationen der Uhr. Schließlich achten Uhrenfreunde nicht zuletzt auf die Marke und die Tradition, die sich mit ihr verknüpft. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Erfahrene Auktionatoren bestätigen immer wieder, dass vor allem Spitzenmarken wie Rolex, Patek Philippe und A. Lange & Söhne Spitzengebote erzielen.
Selbst wohlhabende Uhrensammler können nicht annähernd alle Marken und Modelle besitzen. Nach welchen Kriterien gehen Sammler vor?
Jeder setzt seine ganz individuellen Schwerpunkte. Beschränken wir uns auf die Sammler von Armbanduhren und lassen andere wichtige Bereiche wie Taschen- und Großuhren außen vor. Viele Sammler setzen ausschließlich oder schwerpunktmäßig auf Vintage-Uhren, sprich: auf Zeitmesser, die bereits vor mehreren Jahrzehnten produziert wurden und im Idealfall sogar prominente Vorbesitzer hatten. Im Herbst 2008 zum Beispiel versteigerte das renommierte Auktionshaus Antiquorum eine goldene Longines aus dem Jahr 1929, die einst keinem Geringeren als Albert Einstein gehörte. Der Hammer des Auktionators fiel erst bei umgerechnet knapp 414000 Euro. Das sind natürlich große Ausnahmen, aber wer ein wenig in den Auktionskatalogen von Antiquorum oder Dr. Crott blättert, stellt fest, dass man mit gesuchten und qualitätsvollen Vintage-Uhren gute Chancen hat, richtig Geld zu verdienen. Vorausgesetzt natürlich, man hat vor Jahren günstig eingekauft. Das ist eben wie mit Aktien: Auf den Einstiegspreis kommt es an.
Und auf was achtet der Sammler aktueller Modelle?
Viele kaufen nur Uhren einer bestimmten Marke, sie wollen zum Beispiel alle Rolex-Modelle in ihrem Portfolio haben. Andere interessieren sich etwa nur für Piloten- oder Taucheruhren. Und wieder andere erstehen ausschließlich Zeitmesser mit ganz bestimmten Komplikationen, etwa Armbandwecker - um eine sehr nützliche Funktion zu nennen - oder Chronographen.
Die „Small-Caps“ unter den Uhren
In Ihrem Buch „Exzellenz in der Nische“ (EWK-Verlag) haben Sie die Modelle kleiner Ateliers und Manufakturen vorgestellt – vom Ein-Mann-Unternehmen bis zum mittelständischen Betrieb. Lohnt es sich, in die Uhren solcher wenig bekannten Marken zu investieren?
Viele Uhrenliebhaber, die sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte ein ansehnliches Portfolio zusammengestellt haben, interessieren sich zunehmend für die Modelle der kleinen und kleinsten Hersteller, in denen oft viel Leidenschaft steckt. Eine solche Uhr zu tragen, verrät den eigentlichen Kenner, der nicht mit einem international bekannten Markennamen prahlen muss. Der relativ geringe Bekanntheitsgrad kann sich jedoch beim etwaigen Verkauf der Uhr nachteilig auswirken. Andererseits: Gerade im Internet-Zeitalter, da sich Fangemeinden international vernetzen, kann eine unbekannte kleine Marke morgen schon Kult sein. Das ist wie mit den Small-Caps an der Börse. Die Aktien kleinerer Unternehmen können bald die Rising-Stars sein. Eine Garantie gibt es freilich nicht.
Besitzen auch Sie Uhren von solchen kleineren Herstellern?
Selbstverständlich. Und ich werde häufig von Uhrenfreunden darauf angesprochen, die lediglich in Patek-, Rolex-, IWC- oder Breitling-Dimensionen denken. Hinzu kommt, dass die Uhren aus diesen kleinen Ateliers und Manufakturen zwar nicht immer, aber in vielen Fällen vergleichsweise günstig sind. Salopp ausgedrückt: Man bekommt „viel Uhr für’s Geld“.
Sie haben schon oft die Analogie zur Börse bemüht. Sind Uhren tatsächlich eine alternative Form der Kapitalanlage?
Eine schwierige Frage. Schauen wir in einen eng verwandten Bereich: Eignen sich Kunstwerke als Kapitalanlage? „Es kommt darauf an“, so pflegen Volkswirte Antworten auf unbequeme Fragen einzuleiten, denn dies verschafft ihnen ein wenig Zeit, um nachzudenken. Es kommt also darauf an, heute zu kaufen, was morgen begehrt ist. Und das noch zu einem günstigen Preis. Wer sich für hochwertige mechanische Uhren interessiert, kann durchaus einen kleinen Teil seines Vermögens in diese Preziosen investieren. Aber natürlich stellen Uhren keine Alternativen zu Immobilien, Gold, Aktien oder einem Tagesgeldkonto dar. Der Investor sollte seine Freude an den Uhren haben – und nicht mit ihnen spekulieren. Wer einen weitgehend krisensicheren Sachwert sucht, sollte sich lieber Goldbarren oder –münzen zulegen, sobald die Einstiegspreise günstig sind.
Weshalb Sammler Uhren verkaufen
Ein Sammler strebt danach, sein Portfolio zu vervollständigen. Warum verkaufen Uhrenliebhaber ab und zu einige ihrer guten Stücke?
Weil die Leidenschaft für Uhren sehr stark von Emotionen und Spontanität geprägt wird. Ein Uhrenfreund, der bei seinem Juwelier ein besonders schönes Stück entdeckt, das ihn fasziniert, wird vermutlich früher oder später – je nach Kassenlage – das Objekt seiner Begierde erstehen. Dann aber, nach einigen Monaten oder Jahren, ist es vorbei mit der Faszination. Er trennt sich von der einen oder anderen Uhr, um sich ein neues Modell anzuschaffen – meist mit Verlust. Aber natürlich hat jeder Freund edler Zeitmesser Uhren in seinem Portfolio, von denen er sich niemals trennen wird.
Welche sind das zum Beispiel?
Da hat natürlich jeder unterschiedliche Vorlieben. Mit manchen Uhren verknüpfen sich etwa ganz persönliche Geschichten. Und dann gibt es so etwas wie Faustregeln: Man müsste schon verrückt sein, würde man sich ohne akute Not von einer Patek trennen.
Und welche Favoriten haben Sie, Herr Moritz?
Die wechseln von Tag zu Tag. Insofern gehören alle in meinem Portfolio befindlichen Uhren zu meinen Favoriten. Besonders ans Herz gewachsen sind mir die Lange 1, die IWC Da Vinci, natürlich meine Nautilus von Patek und die Mayu von H. Moser & Cie. Was die sportlichen Uhren angeht, so schätze ich unter anderem meine Rolex Deepsea sowie Pilotenuhren von Sinn.
Mit welcher Uhr hat bei Ihnen persönlich alles begonnen – und wann war das?
Wann es genau begonnen hat, weiß ich nicht. Armband- und Taschenuhren haben mich schon immer fasziniert, insofern gab es kein bestimmtes Ereignis, das mich – vergleichbar mit einem U(h)r-Knall – zu einem Sammler gemacht hätte. Als Berufsanfänger kaufte ich mir die für meine damaligen Verhältnisse erste teure Uhr. Es war eine Omega-Constellation, die mir – um ganz offen zu sein – wenig Freude machte. Diese Uhr hatte ständig irgendwelche Macken. Im Laufe der Zeit näherten sich die Reparaturkosten dem Anschaffungspreis. Es war die Zeit, als Omega nicht nur wirtschaftliche, sondern auch Qualitäts-Probleme hatte. Enttäuscht kehrte ich Schweizer Uhren den Rücken und trug mehrere Jahre japanische Modelle. Die eigentliche Leidenschaft für hochwertige mechanische Zeitmesser begann dann – wie in den meisten Fällen – mit einer Rolex, Modell Datejust, die ich bis heute gern trage. So fing alles an. Seither informiere ich mich regelmäßig auf den bekannten Messen, wie etwa der Baselworld, und natürlich mit Hilfe der Fachliteratur über aktuelle Trends und Modelle.
Gibt es Uhren, die Sie niemals kaufen würden?
Natürlich. In den vergangenen Jahren kamen Modelle auf den Markt, die für einen Sammler, der nicht gerade millionenschwer ist, unerschwinglich sind. Oftmals scheinen die Preise obendrein völlig überzogen. Das Ganze erinnert mich etwas an den Börsen-Hype: Als die Börsianer am „Neuen Markt“ noch fröhliche Urständ‘ feierten, wurden den unbedarften Anlegern Aktien von Unternehmen verkauft, die außer horrenden Verlusten nichts Auffälliges zu bieten hatten. In der Uhrenbranche wirkte die Wirtschaftskrise in den Jahren 2009/2010 wie ein Korrektiv. Viele Hersteller erkannten, dass sie mit ihren Mondpreisen nicht zukunftsfähig sind und die Nachfrage nicht dauerhaft von Moskauer Milliardären oder chinesischen Neureichen ausgeht, sondern von den treuen Sammlern mit überschaubarem Budget. Außerdem kann ich mich nicht mit Uhren anfreunden, deren Design zu sehr von aktuellen Modetrends bestimmt wird. Was heute mancher als „cool“ empfinden mag, könnte in fünf Jahren nur noch hässlich sein. Schauen wir uns die erfolgreichsten Armbanduhren an – sie alle sind Design-Klassiker mit hohem Wiedererkennungswert. Denken Sie an die Oyster von Rolex, die erwähnte Nautilus von Patek oder die Royal Oak von Audemars Piguet. Viele der in diesem Buch porträtierten Hersteller bringen ebenfalls Modelle von klassischer Schönheit und ohne Firlefanz auf den Markt.
Anm. d. Red.: Das Buch „Uhren als Kapitalanlage“ von Michael Brückner erscheint im Februar in neuer, aktualisierter und erweiterter Auflage (Finanzbuchverlag München). Im Sommer wird Brückner sein drittes Uhrenbuch veröffentlichen. Wir werden das Werk wieder rechtzeitig auf www.luxus-momente.de vorstellen.
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