Geschrieben von: Michael Brückner   

Wenn Rotweine zu
Blue chips werden

Der kritische Blick – auch bei Investoren gefragt.

Bild: Panthermedia

Davon können Anleger, die auf Aktien und Sparkonten setzen, nur träumen: Renditen von 300 Prozent erzielten ausgesuchte edle Rotweine französischer Provenienz in nur fünf Jahren. Solange die starke Nachfrage aus dem Fernen Osten anhält, dürften die Preise tendenziell weiter steigen, obgleich in den vergangenen Monaten im breiten Markt ein Rückgang festzustellen war. Nennenswertes Potenzial haben aber nur erstklassige Spitzenweine mit möglichst vielen Parker-Punkten.

Anleger mit dem richtigen Riecher vertrauen selten auf den eigenen Geschmack. Denn schon so mancher Investor musste erleben, wie ihm seine vermeintlichen "Sweetheart-Aktien" ernüchternde Verluste bescherten. Man mag ein Unternehmen oder das von ihm produzierte Produkt sehr sympathisch finden, als Auswahlkriterium beim Aktienkauf taugen derlei Präferenzen jedoch kaum. Gleiches gilt für Anleger, die auf edle und rare Rebensäfte setzen: "Wer in Wein investieren möchte, muss sich zunächst darüber im Klaren sein, ob es sich um eine reine Kapitalanlage handeln oder ob der Wein später getrunken werden soll", rät Stefan Sedlmeyr, der zusammen mit Hans Friedrich das Auktionshaus "Munich Wine Company" in Deisenhofen bei München führt. Je nachdem, mit welchem Ziel der Kunde in Weine investieren möchte, fielen die Empfehlungen völlig unterschiedlich aus, betont der bayerische Experte.

Wem die Rendite wichtiger ist als der persönliche Genuss, sollte sich nicht auf den eigenen Geschmack verlassen, sondern auf den von Robert Parker, dem ohne Frage einflussreichsten Weinkritiker der Welt und Herausgeber von "The Wine Advocate" mit Sitz in Maryland (USA). Parkers Urteil bewegt die Märke und entscheidet wesentlich über die Preisentwicklung. Sein Bewertungssystem ist ausgesprochen simpel - und vielleicht deshalb international so sehr geschätzt. Er beurteilt die von ihm und seinen Mitarbeitern getesteten Weine mit Punkten. Die Skala reicht dabei von 50 ("inakzeptabel") bis 100 ("außerordentlich"). Experten empfehlen Anlegern, niemals Weine mit weniger als 85 Punkten zu kaufen. Je weiter sich das Parker-Urteil der Top-Note 100 annähert, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der betreffende Wein trotz eines schon hohen Preisniveau in den kommenden Jahren deutlich zulegen wird. Und dann gibt es natürlich noch die Top-Gewächse, die sich mit 100 Parker-Punkten schmücken und zu den absoluten Blue chips jedes Anlegerdepots gehören. Zum Beispiel die Bordeaux-Weine Latour a Pomerol aus dem Jahr 1961, Petrus 1949, Cheval Blanc 1947 und Lafleur 1950.

Entspannt trinken - oder im Keller lagern?

Bild: Panthermedia

"Ganz zweifellos machen Bordeaux-Weine das Hauptgeschäft", sagt Stefan Sedlmeyr. "Doch auch alte Burgunder, von denen es deutlich weniger gibt, erscheinen mir sehr interessant. Ich denke da zum Beispiel an Romanee Conti". Wer in Weine investieren möchte und einen langen Anlagehorizont hat, sollte jedenfalls nicht auf Schnäppchenjagd gehen, sondern sich eher für die "Superstars" entscheiden. Hierfür muss er dann aber schon eine vierstellige Summe investieren - pro Flasche versteht sich. In der Spitzenliga sind Preise zwischen 2000 und 3000 Euro keine Seltenheit.

Marc Fischer, Chef des renommierten Weinauktionshauses Steinfels in Zürich, setzt auf die Marken-Strategie: "Einen Lafite oder einen Romanee Conti muss man nicht erklären. Das sind international wiedererkennbare Marken, ähnlich wie Patek Philippe oder Rolex im Luxusuhrensegment".

Die Renditen hochkarätiger Weine können sich dafür durchaus sehen lassen.

Der Liv-ex 100-Index, eine Art "Dax für Spitzenweine", weist Jahr für Jahr beträchtliche Wertzuwächse auf. Allein in der Zeitspanne zwischen Anfang 2006 und Sommer 2007 stieg dieser Index, der die Preisentwicklung von 100 Weinen unterschiedlicher Jahrgänge abbildet, von 120 auf knapp 250 Punkte. Parallel zum Beginn der weltweiten Finanzkrise im Herbst 2007 verzeichnete dann zwar auch der Liv-ex-100 Einbußen, doch bereits Mitte 2008 erreichte der Weinpreis-Index wieder ein Allzeithoch.

"Es gibt Weine, die in den letzten fünf Jahren Wertsteigerungen von rund 300 Prozent erfahren haben", berichtet Stefan Sedlmeyr. "Und bei einem 1959 Mouton Rothschild kann man bei korrekter Lagerung und sicherer Provenienz eigentlich Jahr für Jahr mit einer Wertsteigerung rechnen". Sogar die sogenannten Zweitweine von Lafite haben in kurzer Zeit um bis zu 300 Prozent zugelegt. "Eine 12er-Kiste Carruades de Lafite kostete - je nach Jahrgang - noch vor gar nicht langer Zeit zwischen 300 und 500 Euro. Aktuell muss man mit 1000 bis 1500 Euro rechnen", weiß der Weinauktionator.

Und die Party dürfte weitergehen, denn gute Weine sind rar und die Nachfrage ist anhaltend hoch. "Es gibt einen neuen, globalen Markt mit gewaltigem Wachstumspotenzial, vor allem dann, wenn man mit Ware handelt, die nicht beliebig vermehrbar und trinkbar ist", sagt Paulo Martin, Direktor von Vino Invest in London. Die Nachfrage kommt vor allem aus den Wachstumsmärkten China und Indien, teilweise aus Russland. In den asiatischen Staaten gilt es zum Beispiel aus Ausdruck hoher Wertschätzung, einem Freund oder Geschäftspartner eine Flasche Premier Grand Cru zu schenken. Gleichzeitig stellt der Schenkende damit seine eigene Kennerschaft unter Beweis.

Der Auktionskatalog von Hart Davis Hart (Chicago).

Bild: Michael Brückner

Der Hauptgrund für den starken Preisanstieg bei französischen Spitzenweinen sei "die wachsende Zahl von chinesischen Millionären, die in Luxus investieren", betont John Armit, der bereits seit 1982 als Wein-Consultant arbeitet und einer der ersten war, die rechtzeitig diese lukrative Investment-Chance erkannten. "Viele wohlhabende Menschen im Fernen Osten und in Russland wollen solche Weine in ihrer Sammlung haben oder ihn trinken", berichtet Armit. Und jede Flasche Spitzenwein, die in Moskau oder Shanghai entkorkt wird, ist für Investoren eine wahre Freude, denn auf diese Weise verringert sich die Menge der begehrten Gewächse immer weiter.

Doch längst nicht jeder Wein bringt die erhofften Renditen. Das hat weniger mit Qualität als vielmehr mit den Vorlieben der Kunden zu tun. "Die Weinarten und Provenienzen unterliegen ebenso wie die Kunst und die Haute Couture modischen Zyklen", gibt Stefan Sedlymeyr zu bedenken. Spanischer Spitzenwein zum Beispiel scheint derzeit mega-out zu sein. "Die Spanier haben ihre Top-Weine, wie zum Beispiel den Vega Sicilia Unico". "Abgesehen von diesen absoluten Spitzen sind spanische Gewächse aber seit mindestens fünf Jahren extrem schwer zu verkaufen. Es herrscht in dieser Hinsicht absolute Baisse. Da tut sich nichts", berichtet der Weinauktionator aus Deisenhofen.

Die Italiener wiederum hätten sich ihre Krise selbst eingebrockt. Sowohl die Weingüter in der Toskana als auch in Piemont seien zur Jahrtausendwende der Versuchung erlegen, zu den Preisen von französischen Spitzenweinen aufzuschließen. "Im Jahr 1995 kostete ein sehr guter Chianti Classico Reserva etwa 18 D-Mark. Fünf Jahre später wollten die 30 Euro ab Weingut", erinnert sich Sedlmeyr. Das habe der Markt nicht akzeptiert. Mittlerweile seien die Preise für edle Italiener wieder um ein gutes Drittel gesunken.

Verhalten optimistisch zeigt sich Sedlmeyr bei der Beurteilung deutscher Weine: "Bis zum Ersten Weltkrieg war der deutsche Wein der teuerste der Welt. Dann kam der Absturz". Mittlerweile indessen seien wieder zahlreiche deutsche Weingüter mit hervorragenden Gewächsen auf dem Markt. Und der Kunde sei bereit, für hohe Qualität einen angemessenen Preis zu zahlen.

Ganz gleich, ob man nun deutschen, italienischen oder französischen Wein ersteht, das Wertsteigerungspotenzial wächst nicht zuletzt mit der Größe der Flasche. Magnum (1,5 Liter), Double-Magnum (3 Liter) oder gar Impériale (6 Liter) erzielen höhere Verkaufspreise als die übliche Größe von 0,75 Litern. "Diese Flaschen sind rar und außergewöhnlich. Außerdem sagt man, dass die Weine in solchen Flaschen besser reifen würden", sagt Marc Fischer vom Weinauktionshaus Steinfels. "Think big", das scheint also auch eine gute Maxime für Weininvestments zu sein.

 
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