Cleo Schreibgeräte: Die
Edelfedern aus Bad Wilsnack
Als Volkseigener Betrieb belieferte das Unternehmen einst den gesamten ehemaligen Ostblock mit Tuschezeichengeräten. Heute ist die Cleo Schreibgeräte-Manufaktur nicht nur Feder-Veredler für einige der ersten Adressen, seit 1999 bringt das Unternehmen vielmehr wieder hochwertige Schreibgeräte unter eigenem Namen auf den Markt, die vor allem im Ausland geschätzt werden. Doch mittlerweile wächst auch die Zahl der Fans in Deutschland.
Wenn die Menschen in der rund 2700 Einwohner zählenden Gemeinde Bad Wilsnack über ihre Heimat berichten, kommen sie meist recht schnell auf einen besonderen Standortvorteil zu sprechen: Das Kurstädtchen liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Berlin und Hamburg, gleichsam eine Äquidistanz zu den beiden Großstädten. Bad Wilsnack befindet sich im Landkreis Prignitz im Nordwesten des Bundeslandes Brandenburg. Wenn es einigermaßen gut läuft, braucht man mit dem Auto etwa eineinhalb Stunden vom Berliner Flughafen Tegel hierher. Mit dem Zug gelangt man angeblich etwas schneller in die Bundeshauptstadt. Gut für die vielen Pendler, die täglich nach Berlin aufbrechen. Ja, etwas abgelegen ist Bad Wilsnack schon, dafür darf man das Städtchen, dessen Wahrzeichen die ehemalige Wallfahrtskirche St. Nikolai ist, durchaus als pittoresk bezeichnen. Als „Bad mit Tradition“ wird die Gemeinde mit ihrem schon seit vielen Jahrzehnten nicht nur von gestressten Großstädtern geschätzten Heilklima angepriesen.
Die Luxus-Momente-Redaktion besuchte Bad Wilsnack freilich nicht aus Wellness-Gründen. Unsere Aufmerksamkeit galt einem Familienunternehmen, das mit seinen Produkten Kenner, Sammler und Ästheten in vielen Ländern der Welt begeistert. Ob in Europa, in den USA, Japan, Indien oder Russland – die Manufakturware der Cleo Schreibgeräte GmbH wird geschätzt. „Hand-Made in Germany kommt bei unseren Kunden im Ausland sehr gut an“, weiß Vertriebsleiterin Anja Weber.
Dass Produkte aus Bad Wilsnack auf internationalen Märkten reüssieren, ist indessen keine neue Erfahrung. Schon in den 1960er und 1970er Jahren hielten die weitaus meisten technischen Zeichner in den Staaten des ehemaligen Ostblocks Tuschezeichengeräte der Serie „Skribent“ buchstäblich zwischen den Fingern. Das zu DDR-Zeiten verstaatlichte Unternehmen konnte sich über mangelnde Aufträge nicht beklagen. Mitunter verließen pro Jahr eine Million Tuschezeichengeräte das Werk in Bad Wilsnack.
Arbeitsbedingungen „wie bei den Ägyptern“
Damals war der Schreibgerätehersteller noch vergleichsweise jung. Nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Berliner gegründet, fertigte der Zuliefererbetrieb in einer Hinterhofgarage zunächst Metallteile zur Schreibgeräteherstellung. In diese Zeit reicht eine Anekdote zurück, die Besuchern des Unternehmens immer noch gern erzählt wird. Angesichts der – charmant formuliert – etwas unkonventionellen Arbeitsbedingungen hätten sich die Mitarbeiter damals mit den „alten Ägyptern“ verglichen. Als später die erste hauseigene Schreibgeräte-Kollektion auf den Markt kam, nannte man sie folglich „Cleopatra“. Geblieben ist davon bis heute die Kurzform „Cleo“.
Nach den durchaus beachtlichen Erfolgen in den ersten Jahren und dem starken Export von Tuschezeichengeräten in die sozialistischen Nachbarstaaten stand der Betrieb nach der politischen Wende vor erheblichen Problemen. Die traditionellen Märkte waren zusammengebrochen, jahrelange Zulieferer plötzlich nicht mehr vorhanden, und die Menschen hatten andere Prioritäten als den Kauf von Schreibgeräten. Wolfgang Weiß und Peter Winter, zwei ehemalige Mitarbeiter, nahmen ihren ganzen unternehmerischen Mut zusammen und privatisierten Anfang der 1990er Jahre den Betrieb. Denn sie wussten: Erfahrung und Know-how waren in Hülle und Fülle vorhanden. Davon konnten die beiden Entrepreneurs dann offenkundig auch namhafte Schreibgerätehersteller in den westlichen Bundesländern überzeugen. Zunächst überlebte der Betrieb als Zulieferer, doch schon bald machte er sich einen Namen als Spezialist für die Veredelung von Füllhalterfedern. Auch wenn offiziell niemand darüber spricht, ist es unter Branchenkennern und Sammlern ein offenes Geheimnis, dass viele der ersten und bekanntesten Adressen unter den Schreibgeräteherstellern ihre Federn in Bad Wilsnack veredeln lassen. Viel Know-how und eine hohe Fertigungstiefe verschaffen der Cleo Schreibgeräte GmbH einen echten Marktvorteil. Zu den Spezialitäten des Hauses gehören unter anderem handgelackte Federn, wie sie in dieser Form vermutlich einzigartig sind.
Im Jahr 1999 fiel dann eine weitere mutige Entscheidung: Das Unternehmen wollte neben seiner Tätigkeit für Externe nun wieder Schreibgeräte unter eigenem Namen auf den Markt bringen und damit an die alte Tradition anknüpfen. Eine Tradition übrigens, der wir bei unserem Rundgang durch Bad Wilsnack an zwei zentralen Punkten begegneten: Hauptsitz der Cleo Schreibgeräte GmbH ist eine ehemalige Wassermühle. Sie ist mittlerweile über 400 Jahre alt und wurde bis zum Jahr 1963 in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt. Wenige Minuten von der einstigen Wassermühle entfernt, befindet sich die alte Schule von Bad Wilsnack, in der heute der Vertrieb und der Werksverkauf der Cleo Schreibgeräte ihren Sitz haben.
Kreative Köpfe entwickeln außergewöhnliche Schreibgeräte
Als erste Serie unter eigenem Namen kamen Füllfederhalter, Drehkugelschreiber, Drehbleistifte und Rollerballs unter dem Namen Cleo Skribent auf den Markt. Allesamt aufwändig verarbeitet, verraten diese Schreibgeräte viel Liebe zum Detail. Eines der hervorstechendsten Merkmale dieser Reihe ist dabei der Clip in Form einer Schmuckspange.
„Wir haben viele kreative Köpfe hier in unserem Familienunternehmen. Das erweist sich als ausgesprochen hilfreich bei der Entwicklung neuer Serien. Besonders wichtig ist uns dabei die Verwendung von außergewöhnlichen und hochwertigen Materialien“, sagt Anja Weber. Dazu gehört zum Beispiel Ebonit, ein Material auf Naturkautschukbasis, das bereits Anfang des vergangenen Jahrhunderts zur Fertigung exklusiver Schreibgeräte verwendet wurde. In Bad Wilsnack wird diese Tradition mit der Serie „Cleo Ebonite“ fortgesetzt.
Für die in der klassischen Form des Art deco gehaltenen Schreibgeräte „Linea.arte“ verwendet der Hersteller 925 Sterling Silber, ebenso für die Drehkugelschreiber und Druckbleistifte „SilverSign“. In fünf Farben kommt die Serie „Cleo Colour“ auf den Markt. Weltweit einzigartig ist nach Angaben des Herstellers die in der Farbe der Griffstücke und der Zierteile handgelackte Feder des Füllhalters.
Flaggschiff und gleichzeitig einer der Bestseller in der Cleo-Kollektion ist der Cleo Skribent Füllhalter „Natura“. Sein Korpus besteht aus stabilisiertem Holz. Das heißt, ähnlich wie etwa bei der Konservierung von Schiffswracks wird das Holz mit einer Wachslösung berieselt. Es wird damit widerstandsfähig gegen Feuchtigkeit, Hitze, Kälte und biologische Prozesse. Den „Cleo Skribent Füllhalter Natura“ gibt es in drei Farben. Mit einem Preis von knapp 600 Euro ist er aktuell das teuerste Stück in der Kollektion des Hauses.
Skizzieren wie im Mittelalter – mit dem „Gessner“
Das ungewöhnlichste Stück freilich dürfte der nostalgieträchtige Bleistift „Der Gessner“ sein, benannt nach dem Schweizer Arzt und Naturforscher Conrad Gessner, der die Urform dieses Holzstiftes in einem seiner Bücher illustriert hatte. Die Schreibgeräteexperten in Bad Wilsnack haben diese Idee aufgegriffen, weiterentwickelt und einen Holzstift auf den Markt gebracht, der es seinem stolzen Besitzer erlaubt, seine Skizzen genau so anzufertigen wie einst im Mittelalter. Den „Gessner“ gibt es preisgünstig als Einzelstück im Jutebeutel, oder aber in einer aufwändigen Holzschatulle mit Schmirgelbänkchen, Schieferplättchen, einem Federmesser und Minen in unterschiedlichen Härtegraden. „Der Gessner“ war nicht nur „Schreibgerät des Jahres 2002“, sondern wird überdies im Nürnberger Bleistiftmuseum ausgestellt. Immerhin – ein Bad Wilsnacker in der fränkischen Bleistiftmetropole.
www.cleo-skribent.de
Bilder: Cleo Schreibgeräte GmbH
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