Der Gentleman liebt Zerbrechliches
Kurt Krockenberger sammelt Meissener Porzellan
Einer der so genannten Zarenteller.
Er ist weltweit einer der größten Privatsammler von Meissener Porzellan. Wer sieht, wie er vorsichtig ein winziges, für die Puppenstube gedachtes, Porzellanservice zeigt, mag kaum glauben, dass er ursprünglich Metzger lernte und seine ersten Sammlerschritte mit Porzellanscherben von der Straße tat. Doch den aus einfachen Verhältnissen stammend Jungen faszinierte das Weiße Gold so sehr, dass er zu einem der renommiertesten Experten wurde.
Medaillon aus dem Jahr 1740-1750 von Augst III. von Johann Martin Heinrici.
Jetzt öffnet er zum 300-jährigen Jubiläum des Meissener Porzellans die Pforten seines privaten Museums und zeigt der Öffentlichkeit einzigartige Schätze aus drei Jahrhunderten Meissener Porzellan. 300 auserlesene Stücke gehen dabei im Jubiläumsjahr 2010 auf Reisen. Die Sammlung von Kurt Krockenberger umfasst ausschließlich Sammlerstücke, Unikate und Raritäten, darunter aufwändig gefertigte Figuren, Vasen und Dosen, bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Viele Schätze stammen aus dem Besitz des europäischen Hochadels, von Königen, Kaisern und Zaren.
Leidenschaft für zartes Porzellan
Per Zufall geriet Krockenberger vor vielen Jahren an eine Kaffeekanne aus der Meissener Marcolini-Zeit mit dem so genannten Tausendschönchen Deckel. Er konnte nicht mehr von seiner neuen Leidenschaft lassen. Nach und nach erwarb er sich einen Namen als Spezialist für Meissener Porzellan und eroberte einen exklusiven Kundenkreis.
Sammler Kurt Krockenberger mit dem kleinsten Service der Welt.
Er organisierte außergewöhnliche Ausstellungen und schrieb mehrere Bücher. 1979 erfüllte er sich einen Traum und kaufte eine alte Mühle an der B29 in Remshalden-Grunbach in der Nähe von Stuttgart. Dort eröffnete er 1989 im Beisein des damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth das Haus der Kunst. Heute umfassen die Verkaufsräume in Grunbach 1.200 Quadratmeter. Im zweiten und dritten Stock befindet sich zusätzlich das Privatmuseum des Sammlers mit Schätzen vorwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert.
Zu den Schätzen Kurt Krockenbergers zählt beispielsweise das Familienporzellan von Zar Alexander II. (1818-1881). Anlässlich des Treffens der drei Kaiser, Zar Alexander II. von Russland, Wilhelm I. von Deutschland und Franz Josef I. von Österreich-Ungarn im Jahr 1872 in Berlin, wurde das so genannte „Drei-Kaiser-Service“ als Geschenk des Königshauses von Sachsen überreicht. Hiervon sind die meisten Teile verschollen. Die aufwändig mit Watteau-Motiven bemalten Teller stammen aus dem Besitz der Familie des Prinzen Yourievsky, dem letzten Nachkommen von Zar Alexander II. von Russland, der in der Schweiz nach dem Krieg eine neue Heimat gefunden hatte.
Tabatieren, Dosen zur Aufbewahrung von Schnupftabak.
Filigrane Porzellankunstwerke
Ein Wunder handwerklicher Porzellankunst ist das kleinste Meissener Service der Welt, das heute als Kulturgut einzustufen ist. Es besteht aus 143 Teilen und hat einen Wert von 1,45 Millionen Euro. Kaffeekanne, Zuckerdose, Milchgießer sowie sechs Ober- und Untertassen wiegen gerade mal 18 Gramm. Allein die Tassen sind kleiner als ein Fingerhut. Das kleinste Meissener- Kaffee-, Speise- und Wasch-Service der Welt wurde von 1911 bis 1913 in mühevoller und filigraner Kleinarbeit von drei Porzellankünstlern in 18.000 Arbeitsstunden gefertigt. Die Purpurmuster sind handgemalt und mit echtem Poliergold versehen. Dazu gehören drei Mini-Tische und 36 Stühle im Rokoko-Stil. Das Service wurde angeblich für die Bankiersfamilie Rothschild (Frankfurt) gefertigt, blieb aber dann in Deutschland. Auch die Mutter von Königin Elisabeth II., die Puppenstuben sammelte, wollte es schon haben.
Zu den 300 Meissener Schätzen, die jetzt auf Reisen gehen, gehören noch viele andere auserlesene und seltene Stücke. Zum Beispiel ein sitzender Chinese als Duftfigur, nur acht Zentimeter groß, aus dem Jahr 1720. Es stellt einen Glücksgott dar. Durch seinen geöffneten Mund konnte der würzig duftende Rauch verbreitet werden. Kostbar auch ein Medaillon aus dem Jahr 1740-1750 von August III., Sohn von August dem Starken, der 1710 die Meissener Manufaktur gegründet hatte.
Wunderbare Kostbarkeiten.
Die Meissener Miniatur stammt aus der Feder von Johann Martin Heinrici und ist in einer größeren Version nur in der Dr. Schneider-Sammlung, Schloss Lustheim zu sehen. Außerdem dabei sind bedeutende, frühe Porzellane von Johann Friedrich Böttger und Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, den Erfindern des Meissener Porzellans aus dem Jahr 1710, mit einer Bemalung von Johann Gregorius Hörold und anderen Künstlern sowie Goldchinesen aus der Werkstatt der Gebrüder Seuter aus Augsburg. Darunter befindet sich eine seltene Kaffeekanne aus dem berühmten Jagdservice von Herzog Ernst August I. von Sachsen-Weimar. Zauberhaft sind die musealen Stücke aus dem Goldfondservice aus dem Jahre 1730, darunter aufwändig gearbeitete Doppelhenkelbecher mit Felsvogelmalerei und Goldfond oder eine Zuckerdose mit asiatischem Floraldekor und exotischen Vögeln. Stücke aus diesem Service befinden sich in der Dr. Schneider-Sammlung, Schloss Lustheim.
Kostbarkeiten auf Reisen
Die Wander-Ausstellung im Haus der Kunst in Remshalden-Grunbach bei Stuttgart, dem Heimatort des Sammlers steht unter dem Titel „Das Weiße Gold – 300 Jahre Meissener Porzellan. Eine Sammlung geht auf Reisen“. Sie wurde Anfang Dezember 2009 im Beisein von Hans Georg Prinz Yourievsky, Urenkel des Zaren Alexander II., feierlich eröffnet. Sie dauert bis 17. April 2010. Werktags ist sie von 10 bis 18 Uhr geöffnet, samstags von 10 bis 14 Uhr. Der Eintritt ist frei. Im Anschluss daran ist die Ausstellung für ein Jahr in St. Petersburg zu sehen. Dort werden die Schätze im Katharinenpalast, wo sich auch das berühmte Bernsteinzimmer befindet, ausgestellt.
www.haus-der-kunst.de
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