Geschrieben von: Andrea Przyklenk   

Schwäbische Weinstuben-Gemütlichkeit

Jahreszeitliche Dekorationen sorgen für die richtige Stimmung in der Traube.

Bild: Hendrik Fuchs

Im Januar 2006 hat Hubert Blum, ein „Reigschmeckter“, wie die Stuttgarter sagen, was so viel heißt wie ein Zugezogener, die traditionsreiche Weinstube „Zur Traube“ in Stuttgart-Heslach übernommen. Das frühere „Steidle“ mit seinen Butzenscheiben und den zwei gemütlichen Gasträumen zählt zu den ältesten Weinstuben Stuttgarts. Der neue Wirt hat nichts verändert, denn es war gerade das heimelige Ambiente, das ihn anzog.

Eine Seltenheit: Die Butzenscheiben in der Traube.

Bild: Hendrik Fuchs


Der gelernte Koch aus Schmalkalden in Thüringen hat es geschafft, den Charakter der Weinstube zu erhalten, obwohl sich die Klientel erweitert hat. Neben den Heslachern, die hier schon immer ihr Viertele „schlotzten“, findet mittlerweile ein buntes Völkchen den Weg in die Böblinger Straße. Doch das tut dem Wohlgefühl keinen Abbruch – im Gegenteil.


Da sitzen nun die Mitglieder des Chors „Rosa Note“ neben dem 80-jährigen Herrn Pfeil und der 98-jährigen Dame, die sich eine Gänsekeule mit Rotkohl und Kartoffelklößen schmecken lässt. Einen Tisch weiter sitzt ein Unternehmerpaar, das ein paar Häuser weiter seine Firma betreibt, am Stammtisch tagt die Männerrunde und diskutiert über Grundstückspreise. Zwei hungrige Damen, die geradewegs aus dem Schwimmbad kommen, machen sich über die Weinwahl Gedanken.

In der Weinstube ist nicht viel Platz.

Bild: Hendrik Fuchs

Wie an Mutters Esstisch

Dass Hubert Blum aus Thüringen stammt, hat der schwäbischen Karte keinen Abbruch getan. Die schwäbischen Lieblingsgerichte wie saure Kutteln, Zwiebelrostbraten und Wurstsalat mit Schwarzwurst schmecken immer noch „wie zuhause bei meiner Mutter“, sagt ein junger Mann. Und zwei Damen fragen, sobald sie sitzen: „Hubert, was gibt es denn heute extra?“ Denn in der Traube gibt es jeden Tag noch ein paar Gerichte, die nicht auf der Karte stehen.

Die Gipsmalerei zeigt die einstige Wirtin als junges Mädchen.

Bild: Hendrik Fuchs

Im Herbst gibt es Hirschkalbskeule und Gans oder Ente. Im Sommer gibt es Sülze mit Bratkartoffeln oder ein Pilzragout. Manche fragen gleich nach Käsespätzle oder einem Winzerteller. Auch Vegetarier finden immer etwas auf der Karte oder es wird etwas kreiert.

„Ich kaufe immer frisch ein und lasse mich inspirieren“, sagt Hubert Blum. So bodenständig wie das Essen sind auch die Preise geblieben, sogar beim Wein, was in Stuttgart mittlerweile eher die Ausnahme ist. Wie es sich gehört für eine schwäbische Weinstube, gibt es in der Traube nur Württemberger Weine, „hauptsächlich von kleinen Weingütern“, wie der Wirt betont.

Bei Hubert Blum fühlen sich alle wohl.

Bild: Hendrik Fuchs

48 Plätze verteilen sich auf die beiden Gasträume. Im Sommer kommen 36 im Freien dazu, teilweise überdacht. Außer Heiligabend und wenn er zwei Wochen im Jahr Urlaub macht, ist Hubert Blum immer für seine Gäste da, auch an Silvester. Samstags ist Ruhetag, aber natürlich „öffne ich für Festlichkeiten“, sagt Blum, der schon mal seinen Urlaub einen Tag verschiebt, weil unbedingt einer seiner Gäste Geburtstag feiern will. Seine Gäste sind für ihn das Wichtigste.

Kaum einer, den er nicht mit Namen anspricht, viele mit Vornamen. Da gibt es Küsschen rechts und links für die Damenrunde, eine kurze Frage nach den Kindern oder nach dem Gesundheitszustand der Oma dort. Hubert Blum kennt seine Gäste und interessiert sich für sie, und deshalb kommen sie alle wieder. Sie fühlen sich willkommen und zuhause im besten Sinne.

Der Wirt serviert Gänsekeule.

Bild: Hendrik Fuchs

Stuttgarter Kulturgut

Mehr als einen Blick verdient auch das Interieur der Traube. Die Tische im vorderen Raum stehen unter den von kaukasischem Nussbaum umrahmten, bleiverglasten Fenstern. Die Tische sind immer liebevoll und saisonal dekoriert. Die Flaschen mit den von den Schwaben geliebten Obstbränden stehen malerisch auf dem Klavier.

Das eigentliche Schmuckstück ist der hintere Raum, der nur 16 Quadratmeter misst. Rechts neben der Alkovennische steht eine mit Reben verzierte Holzsäule. An der Wand sieht man eine Gipsmalerei in zartem Blau, die die einstige Wirtin Liselotte Müller als 21-Jährige zwischen den brüchigen Mäuerchen der Kleinheppacher Weinberge zeigt. Umrahmt wird die Malerei von handbemalten Kacheln. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Für die Gäste nicht sichtbar, aber gut für den Wein, ist der weit über 100 Jahre alte Gewölbekeller.

Die Traube ist sozusagen Stuttgarter Kulturgut. Leider oder auch Gott sei Dank, wie manche meinen, verirren sich nur wenige Ortsunkundige dorthin. Dabei halten zwei Straßenbahnlinien fast vor dem Haus. Wer einen Besuch wagen möchte, sollte allerdings vorher anrufen, denn an manchen Tagen ist es so „gerammelt voll“, dass kaum noch eine Maus Platz findet. Und wer hockt, der hockt.

Sofortkontakt: Tel. 0711-6405157


 
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