Stoff für luxuriöse Lese-Stunden
Kreuzfahrt-Erlebnisse

Cover: In 180 Tagen um die Welt

Vor kurzem ist mir das Buch „In 180 Tagen um die Welt“ von Matthias Politycki in die Hände gefallen. Jedes Mal, wenn ich darin lese, komme ich aus dem Lachen kaum noch heraus. Er hat ein solches Geschick dafür, Ereignisse, Menschen und ihre Eigenheiten auf einem Kreuzfahrtschiff zu erfassen und zu beschreiben, dass man sie förmlich vor sich sieht. Selbst die Namen, die er seinen Charakteren gibt, sind messerscharf getroffen und zum Quieken. „Kristina Kipp-Oeljeklaus“ – welch ein Name, welch eine Charakterisierung!

Fichtls Log-Buch

Die Geschichte ist schnell erzählt. Johann Gottlieb Fichtl, ein kleiner Finanzbeamter aus dem Bayerischen Wald geht auf Weltreise auf dem besten aller Kreuzfahrtschiffe. Dazu ist er durch seine Tippgemeinschaft gekommen, deren Mitglieder sich geschworen haben, eine Kreuzfahrt zu machen, wenn sie gewinnen würden. Doch der Gewinn reichte leider nur für einen von ihnen. Das Los traf Fichtl, der die Reise mit einem Packen Motivkrawatten eines seiner Tippfreunde und einem Smoking aus dem Fundus des Bürgermeisteramts antrat. Seine einzige Verpflichtung war, seine Reise täglich in Wort und Bild zu dokumentieren, was er auch tat, wie das Buch beweist. Allein die Fotos und ihre Unterzeilen sind eine Schmunzelgalerie für sich. Besonders gut haben mir die Fotos mit solchen Texten wie „Ein erster Blick auf den ägyptischen Horizont“ gefallen. Auf dem Bild sieht man Wasser, dunkle Wolken und eine durchblinzelnde Sonne. Am Horizont außer Wasser eigentlich nichts.

Humorvolle Hiebe

Jede Art von Passagier bekommt in Fichtls Log-Buch ihr Fett weg, zwar scharf, aber doch schelmisch. Mit satirischer Brillanz und viel Humor zerlegt der Autor die Gesellschaft (des Kreuzfahrtschiffs) in ihre Bestandteile. Zerrt ihre Schwächen und Marotten erbarmungslos ans Licht, das aber durch den Erzähler Fichtl, der selbst eine durch und durch skurrile Figur ist, etwas gedämpft wird. Am 6. Tag beschreibt Fichtl seine Tischgesellschaft an Bord mit dürren Worten, die aber so treffend sind, dass man jeden Einzelnen vor Augen hat, zum Beispiel „Dieter Drescher, Vertikalschläfer mit Brille/Hörgerät, angeblich Sozialhilfeempfänger. Neben seinem Servierteller immer ein Häufchen Tabletten; pünktlich zum Nachtisch wacht er auf, sortiert sein ‚Rentnermenü’: ‚Was denken Sie denn, woraus eine Kapitänsuniform gewebt ist? Aus Seemannsgarn.’“ Man weiß, wie Dieter Drescher aussieht und wie er sich gibt!

Meine Empfehlung: Unbedingt lesen, bevor man auf eine Kreuzfahrt geht und natürlich zu allen anderen Gelegenheiten. Dann wissen Sie auch, was an Weihnachten in der Karibik passiert, wie das mit der Äquatortaufe ist, und dass es tatsächlich Kielschweine gibt.

In 180 Tagen um die Welt, Matthias Politycki, marebuchverlag, ISBN 978-3-86648-080-3, € 24,80 (gebunden)
oder € 8,95 (Taschenbuch).

 

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