Alexander Shorokhoff
Der Mann, der Uhren eine „russische Seele“ gibt
Alexander Shorokhoff ist Gründer und Chef von Poljot International
Wer einen markanten Kontrast sucht zur temporeichen und umtriebigen Megacity Moskau findet ihn zum Beispiel im unterfränkischen Städtchen Alzenau. Dort, vor den Toren von Aschaffenburg, wo der Spessart zum Greifen nah und der Frankfurter Flughafen dennoch nur einige Minuten Autobahnfahrt entfernt ist. Alzenau gehört schon zu Bayern, doch das Bundesland Hessen befindet sich gleich nebenan.
Für Alexander Shorokhoff, der im Jahr 1960 in Moskau geboren wurde und dort viele Jahre arbeitete, hat Hessen eine besondere Bedeutung. Dort begann nämlich seine Karriere in Deutschland. Er gehörte zu einer Gruppe von handverlesenen russischen Jungmanagern, die auf Anregung des damaligen sowjetischen Staatschefs Gorbatschow in der Bundesrepublik ganz praktisch die Marktwirtschaft kennen lernen sollten. Die ersten Stationen für Shorokhoff waren die IHK Frankfurt und das hessische Wirtschaftsministerium in Wiesbaden. Manche Empfehlung, die er damals bekam, klang recht unkonventionell. „Natürlich hatten wir uns schon in Moskau mit der deutschen Sprache beschäftigt. Als ich dann aber in Deutschland war, stellte ich fest, dass ich mit diesen Grundkenntnissen nicht viel anfangen konnte. Da gab mir ein deutscher Professor einen klugen Rat. Er sagte, ich solle öfter in die Kneipe gehen, um den Menschen zuzuhören und mitzureden. Und was soll ich sagen, es hat funktioniert“, berichtet Alexander Shorokhoff, der mittlerweile die deutsche Sprache exzellent beherrscht.
Auch die Mechanismen der Marktwirtschaft lernte der Russe sehr schnell und startete seine Karriere in einer Branche, in der er es mit starken, weltweit bekannten Marken zu tun hat. Shorokhoff baut und vertreibt Uhren. Der günstigste Zeitmesser seiner Marke Poljot International ist für rund 250 Euro zu haben. Für die besonders aufwändig dekorierten und teilweise skelettierten Manufaktur-Uhren aus Gold mit Diamantenbesatz, die unter dem Namen „Alexander Shorokhoff“ auf den Markt kommen, muss der Kenner bis etwa 15.000 Euro zahlen. Die günstigeren Stahlmodelle dieser Nobelmarke kosten zwischen 3.500 und knapp 4.500 Euro. Shorokhoff ist Gründer und Chef von Poljot International, gleichzeitig Inhaber und Spiritus Rector jener Uhrenmanufaktur, die seinen Namen trägt. Beide Unternehmen haben ihren Sitz mitten im Städtchen Alzenau.
Sicher, Nobelticker von Alexander Shorokhoff sind bisher nur Kennern bekannt. Aber davon gibt es mittlerweile jede Menge rund um den Globus. Vor allem in Asien und Europa hätten viele Uhrenfreunde den Reiz der Differenzierung entdeckt und investierten in die Produkte kleiner, aber feiner Manufakturen, berichtet der Unternehmer. Und er nennt den Namen eines prominenten Fans seiner Uhren: Kostya Tszyu, gebürtiger Russe und ehemaliger Boxweltmeister, der seit einigen Jahren in Australien lebt. Für ihn, der die Luxusuhren mit russischen „Genen“ besonders liebt, fertigten Alexander Shorokhoff und sein Team eine eigene Linie. Geplant sind demnächst auch Uhren mit der edelsten Komplikation – dem Tourbillon.
Vom Bauingenieur zum Uhrenbauer
Wie bei vielen Schöpfern individueller Uhrenmarken war die Karriere von Alexander Shorokhoff das Resultat aus einer bestimmten Disposition und einer gehörigen Portion Leidenschaft. Denn zu Beginn seiner Laufbahn hatte er mit dem mechanischen Mikrokosmos von Uhren noch gar nichts zu tun. Im Gegenteil, er konzipierte und baute in ganz anderen Dimensionen. Shorokhoff studierte zwischen 1977 und 1982 an der Moskauer Hochschule für Transportwesen und schloss sein Ingenieur- und Architekturstudium mit Auszeichnung ab. Anschließend arbeitete er bei einem staatlichen Bauunternehmen, wo er bereits in jungen Jahren zum Chefingenieur avancierte. „Auf den ersten Blick scheinen das Bauwesen und die Uhrmacherei nichts gemein zu haben. Doch auf den zweiten Blick erkennt man, dass in beiden Fällen Designkenntnisse und viel Liebe zum Detail notwendig sind. Zumindest dann, wenn man Qualität anbieten möchte und nicht standardisierte Bauwerke oder Produkte“. Das war und ist seine Leidenschaft. Dass er darüber hinaus bereits in seiner Jugend über eine entsprechende Disposition für Designentwürfe verfügte, zeigte sich während seiner Schulzeit, als er großes Gefallen am Zeichnen fand.
Seine kurze politische Karriere begann Alexander Shorokhoff als Abgeordneter in seinem Moskauer Stadtbezirk. Nach der politischen Wende in seinem Land und dem Zusammenbruch der Sowjetunion arbeitete er als Leiter der Jugendorganisation in seinem Stadtviertel und studierte an der Wirtschaftsakademie. Und dann bekam er die Chance, zusammen mit 19 anderen Jungmanagern in Deutschland Erfahrung mit der Marktwirtschaft zu sammeln. Welchen Spielregeln die Märkte folgen, hatte Shorokhoff schnell durchschaut. Wie aber konnte er dieses Know-how am sinnvollsten umsetzen, welche Branche barg die größten Chancen, mit welchen Produkten konnte er auf den Märkten außerhalb Osteuropas reüssieren? Shorokhoff erinnerte sich an seine Zeit als Abgeordneter in Moskau, als er den damaligen Präsidenten der Ersten Moskauer Uhrenfabrik kennen und schätzen lernte. Die wichtigste Marke dieses Unternehmens war bereits damals Poljot, was übersetzt nichts anderes heißt als „Flug“. Dieser Name nimmt Bezug auf die legendäre Weltraumexkursion von Juri Gagarin im Jahr 1961.
Für die Erste Moskauer Uhrenfabrik arbeiteten damals rund 6000 Menschen. Pro Jahr wurden über sechs Millionen Zeitmesser verkauft, vor allem in Mittel- und Osteuropa und in Teilen Asiens. In Westeuropa hingegen waren Poljot-Uhren nur einigen Insidern bekannt. Dort schien mithin noch reichlich Potenzial vorhanden zu sein. Alexander Shorokhoff ergriff diese Chance und startete seine Karriere in der Uhrenbranche. Im Jahr 1992 begann er mit dem Vertrieb der für westliche Uhrenfreunde zunächst etwas exotisch anmutenden, aber vielleicht gerade deshalb so interessanten Marke Poljot. „Wir starteten mit professionellem Marketing, verkauften unsere Uhren bald über 300 Fachgeschäfte und Juweliere. Der Erfolg konnte sich sehen lassen“. Mitte der 1990er Jahre jedoch folgte eine weitere, weniger erfreuliche Lektion im marktwirtschaftlichen System: Die Konjunktur kühlte deutlich ab, ebenso wie die Konsumbereitschaft der Verbraucher. Nicht unbedingt Zeiten, in denen man sich neue Uhren gönnt, obwohl die mechanischen Uhren von Poljot ausgesprochen günstig waren. Vermutlich noch gravierender wirkte sich der zunehmende Handel mit Poljot-Uhren auf Flohmärkten aus. Russische Uhren hatten schnell ein nicht eben verkaufsförderndes „Flohmarkt-Image“, zudem wurden viele Poljots zu Preisen verscherbelt, die teilweise unter den Einstandspreisen der Fachgeschäfte lagen. „Wir wussten, dass wir auf diesem Weg nicht weiterkommen würden. Wir mussten etwas anderes machen, um dauerhaft an den Märkten erfolgreich zu sein“, erinnert sich Shorokhoff an die damaligen schwierigen Zeiten.
Ihm war klar, dass unterschiedliche Märkte nach differenzierten Produkten verlangten. Dennoch wollte er am bewährten Namen Poljot festhalten, denn dieser Begriff stand mittlerweile fast schon synonym für russische Uhren. Um jedoch nicht nur auf Flohmärkten erfolgreich zu sein, musste die Qualität der Zeitmesser verbessert werden. Außerdem waren Shorokhoff und sein Team entschlossen, mit einem neuen Design bei westlichen Uhrenfreunden zu punkten. Um diese Ziele zu erreichen, gründete Alexander Shorokhoff 1995 die Marke „Poljot International“, die seither Uhren auf den Markt bringt, die vor allem auf die Qualitäts- und Designansprüche der westlichen Kunden zugeschnitten sind. Das Konzept ging auf. Heute verkauft Poljot International seine Uhren in 35 Staaten. Die Preise liegen zwischen 250 und 1000 Euro. Damit sind sie für mechanische Zeitmesser zwar nach wie vor vergleichsweise günstig, doch das „Flohmarkt-Image“ der 1990er Jahre haben sie erfolgreich abgestreift. Für viele Sammler gehören auch Uhren von Poljot International ins Portfolio. Vor allem Fliegeruhren und Wecker erfreuen sich großer Beliebtheit. Und nicht selten hört man von Uhrenliebhabern Sätze wie diesen: „Meine Sammlung reicht von Poljot bis Patek“. Was im Klartext bedeutet: „Ich habe Uhren für ein paar hundert und für ein paar zehntausend Euro“.
Russische Uhren „made in Germany“
Alexander Shorokhoff indessen wollte sich mit dem Erfolg nicht zufrieden geben und dachte über eine eigene Luxus-Marke nach. Während Poljot-Uhren im mittleren Preissegment angesiedelt sind, sollten Shorokhoffs Top-Produkte in einer ähnlichen Liga spielen wie die Nobelmarken in der Schweiz und Glashütte. Kurzum, der Unternehmer, der mittlerweile seinen Geschäftssitz in Alzenau hatte, wollte Uhren auf Schweizer Niveau, mit deutscher Präzision und russischer Seele herstellen. Und sie sollten seinen Namen tragen: Alexander Shorokhoff. Die Qualität musste perfekt, das Design außergewöhnlich sein. Im Jahr 2003 ging die Alexander Shorokhoff Uhrenmanufaktur an den Start. Ihre Produkte gerieten bei Uhrenfreunden schnell zu einem Geheimtipp. So „geheim“ freilich wie in den ersten Jahren nach Lancierung der Zeitmesser aus dieser jungen Manufaktur sind die Produkte aus Alzenau längst nicht mehr. Die Freunde dieser Uhren sind in Japan ebenso zu finden wie zum Beispiel in Hongkong, Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Seit einiger Zeit werden die „Uhren mit russischer Seele“ zusätzlich in Tschechien und in der Slowakei verkauft. Nicht ohne Stolz erwähnt Alexander Shorokhoff, dass sich mittlerweile sogar ein renommierter Juwelier aus der Schweiz gefunden habe, der diese extravaganten Zeitmesser anbiete.
Doch was macht eigentlich die „russische Seele“ dieser Uhren aus? Natürlich, die verschiedenen Linien der Shorokhoff-Kollektion tragen die Namen großer russischer Künstler. Die erste Uhr wurde nach dem Komponisten Tschaikowsky benannt. Wer es literarischer mag, kann sich eine „Leo Tolstoi“ oder eine „Fjodor Dostojewski“ ans Handgelenk binden. Die „Dostojewski“ mit ihrem markanten quadratischen Gehäuse und abgerundeten Ecken gehört seit einiger Zeit zu den beliebtesten Uhren aus der Alexander Shorokhoff-Kollektion. Diese Uhr soll es bald in der Edel-Ausführung in Rotgold und einem Zifferblattring mit Diamanten geben. Auf dem Markt ist aber bereits eine Stahlvariante, die schon ein wenig augenzwinkernd Bezug nimmt auf eines der wichtigsten literarischen Werke von Dostojewksi. In seinem Roman „Der Spieler“, den der Autor in gerade einmal 26 Tagen seiner Sekretärin und späteren Ehefrau diktierte, erzählt er die Geschichte einiger von der Spielsucht zerfressener Menschen, wobei das Werk bekanntlich autobiographische Züge trägt. Auf der Rückseite der „Dostojewski“-Uhr erinnert ein schwarz-roter Zahlenring wie aus einer miniaturisierten Rouletteschüssel an den „Spieler“. Die Optik des Zifferblatts ruft ebenfalls Assoziationen mit einem Roulettetisch hervor.
Das mögen sympathische Kleinigkeiten sein, sie allein machen indessen noch keine „russische Seele“ aus. Wohl aber die Gravuren, Guillochierungen und Skelettierungen dieser Uhren, die in perfekter Handarbeit ausgeführt werden. Der skelettierte Chronograph „Leo Tolstoi“ in Stahl mit goldener Lünette oder mit komplettem Goldgehäuse ist ein solches Meisterwerk. Die Zeit wird fast zur Nebensache, wenn man durch den Saphirglasboden schaut und die „inneren Werte“ dieses Modells unter die Lupe nimmt: Die Skelettierung macht den Antrieb transparent, der Blick fällt auf die handgravierten Kloben und Brücken, die Rubine und gebläuten Schrauben setzen ästhetische Akzente im vergoldeten, rhodinierten Werk. Wer’s eine Spur luxuriöser mag, kann die „Leo Tolstoi“ mit diamantenbesetzter Lünette erstehen. Natürlich gibt es diese Uhr auch mit automatischem Aufzug, dann lohnt ein Blick auf den handgravierten Rotor. Das eigentliche Gesicht dieser Uhr, also das Zifferblatt, spiegelt gleichfalls russische Handwerkskunst wider. Aufwändige Dekorationen geben diesem Zeitmesser seinen unverwechselbaren Charakter. „Das ist sicher einer der Schwerpunkte unserer Uhrenfertigung in der Manufaktur Alexander Shorokhoff – Gravuren nach traditionellen russischen Mustern“, sagt der Unternehmer. Wer möchte, bekommt die „Leo Tolstoi“ ohne Skelettierung, aber ebenfalls mit handgraviertem Werk. „Die aufwändige Handarbeit macht jede unserer Uhren gleichsam zu einem Unikat“, schwärmt Shorokhoff.
Die Modellreihe Peter Tschaikowski wendet sich eher an die praktisch veranlagten Zeitgenossen und knüpft an die lange russische Tradition bei der Herstellung von Armbandweckern an. Im Inneren tickt das bewährte Poljot-Kaliber 2612, das auf dem AS 1475 basiert. Ungewöhnlich: die Kronen dieser Uhr befinden sich bei 11 und 1 Uhr, und das innere Gehäuse lässt sich aufklappen, so dass sich die Armbanduhr blitzschnell in einen richtigen Wecker verwandelt, den man zum Beispiel aufrecht auf dem Nachttisch platzieren kann.
Während die Handaufzugs-Uhren von russischen Kalibern angetrieben werden – wie zum Beispiel Poljot 3105 oder 2612 – ticken in den automatischen Uhren von Alexander Shorokhoff Werke Schweizer Provenienz. „Die russischen Werke werden qualitativ optimiert, so dass sie den hohen Ansprüchen unserer Kunden vollauf genügen. In den vergangenen Jahren verzeichneten wir nicht eine einzige Reklamation“, berichtet Alexander Shorokhoff.
Der Unternehmer ist überzeugt: Unabhängig von konjunkturellen Schwankungen werden außergewöhnliche mechanische Uhren weltweit gefragt bleiben. Mit seinen 15 Mitarbeitern in Alzenau ist Shorokhoff zwar für die Nachfrage einer wachsenden Fangemeinde gerüstet, dennoch soll die Exklusivität gewahrt bleiben: russische Uhren „made in Germany“ , gepaart mit vollendeter Handwerkskunst. |