H. Moser & Cie: Der diskrete
Charme der Raffinesse
Die etwas andere Uhr aus Schaffhausen
Bei H. Moser & Cie. gilt offenkundig das Prinzip der diskreten Raffinesse. Die feinen Armbanduhren aus Schaffhausen kokettieren fast ein wenig mit ihren „inneren Werten“, was zum kultivierten Understatement der Marke perfekt zu passen scheint. Mehr sein als scheinen, könnte die Devise lauten, denn die technischen Besonderheiten, von denen manche sogar einzigartig in der Branche sind, sieht selbst der Kenner erst auf den zweiten Blick, wenn er die Werke dieser in kleinen Stückzahlen auf den Markt kommenden Uhren im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe nimmt.
Handelt es sich zum Beispiel um eine Uhr aus der Modellreihe „Henry“ mit dem Moser-Rechteckformwerk oder um das runde Modell „Mayu Fumé“ mit dem unverkennbaren, wie geräuchert anmutenden Zifferblatt, dann gehört zu diesen inneren Werten die „Straumann Double Hairspring Hemmung“. Ein typisches Beispiel für das erwähnte Prinzip der diskreten Raffinesse. Andere Hersteller bringen Armbanduhren mit filigranen Tourbillons zu Preisen im mittleren fünf- oder gar sechsstelligen Bereich auf den Markt. Keine Frage, das sind uhrmacherische Leckerbissen vom Feinsten. Nur wirklich Sinn machen sie nicht, denn das Tourbillon wurde von Abraham-Louis Breguet einst für Taschenuhren entwickelt. Deren Ganggenauigkeit sollte mit diesem kleinen Käfig erhöht werden.
Elegant und mit „inneren Werten“: die Henry Rosso von Moser.
Auch bei Armbanduhren kommt es aber darauf an, dass sich die Unruhspirale beim Schwingen nicht verzieht und der Schwerpunkt in der Achsenmitte bleibt. Ansonsten könnte die Schwerkraft der Erde dem feinen Uhrwerk und dessen Ganggenauigkeit einen Streich spielen. Um das zu verhindern, wird die Unruhspirale aus dem selbstkompensierenden Material Nivarox hergestellt und in der zweiten Ebene über der Spiralfeder die sogenannte Breguet-Endkurve angebogen. Klingt ziemlich technisch, doch wer einmal zuschauen durfte, welch ruhige Hände und welch hohes Maß an Geduld erforderlich sind, um „die Kurve zu kriegen“, weiß dieses Zeichen hoher Uhrmacherkunst besonders zu schätzen. Diese Breguet-Kurve sorgt dafür, dass der Schwerpunkt der Unruhspirale in der Achsenmitte bleibt. Das gelingt fast zu 100 Prozent. Aber eben nur fast. Um das allerletzte Quäntchen zur vollkommenen Perfektion beizusteuern, entwickelte Moser & Cie die erwähnte „Straumann Double Hairspring Hemmung“, benannt nach Reinhard Straumann, der das Nivarox-Material erfand und dessen Enkel Thomas Straumann heute Mehrheitsaktionär der Moser Group AG ist.
Die Double Hairspring-Hemmung
Das Prinzip der Double Hairspring-Hemmung: Zwei Unruhspiralfedern gleicher Bauart werden so angeordnet, dass sich die eine Spirale beim Schwingen öffnet, während die zweite sich beim gleichen Schwingungsbogen schließt. Der Effekt, den Breguet mit seinem Tourbillon weitgehend ausgleichen wollte, tritt somit erst gar nicht auf. Dies ist nur eine der zahlreichen Innovationen der Luxusuhrenmarke Moser. Vielen weiteren werden wir begegnen, wenn wir uns später der einzelnen Modellreihen annehmen.
Doch bevor sich Uhrenliebhaber mit den Details der Mikromechanik beschäftigen, stellen sie sich die Frage, was es mit der Marke Moser auf sich hat und wer hinter diesem zwar noch jungen, aber an eine reiche Tradition anknüpfenden Unternehmen steht. Uhrenfreunde verbinden mit dem rund 30.000 Einwohner zählenden Städtchen Schaffhausen spontan IWC. Doch wer sich näher mit der Geschichte Schaffhausens und der Uhrmacherei beschäftigt, der begegnet dem Namen Moser fast schon auf Schritt und Tritt. Und bei passender Gelegenheit lässt man bei H. Moser & Cie. schon mal durchblicken, dass es ohne diesen Uhrenfabrikanten und Industriepionier wohl auch keine IWC in Schaffhausen gäbe. Immerhin war es Heinrich Moser, der den amerikanischen Ingenieur und IWC-Gründer Florentine Ariosto Jones in die Stadt am Rheinfall holte.
Innovativ: die Double Hairspring Hemmung.
Jede Marke – vor allem aus dem Luxusgütersegment – braucht eine außergewöhnliche Geschichte. Im Fall von H. Moser & Cie. begann sie mit einer für damalige Verhältnisse recht abenteuerlichen Reise von Schaffhausen ins russische St. Petersburg. Dort eröffnete Heinrich Moser Ende 1828 sein eigenes Unternehmen. Fortan verkaufte er mit wachsendem Erfolg Präzisions- und Schmuckuhren, aber auch verschiedene einfache Zeitmesser. Schon im Jahr darauf gründete Moser in Le Locle im Schweizer Jura zudem eine Fabrik, die exklusiv Uhren für seinen Handel herstellte. Neben den selbstgebauten Uhrwerken bezog Moser Rohwerke unter anderem von Jaeger-LeCoultre und Urban Jürgensen. Die Exklusivität und Qualität seiner Uhren verschafften dem Schweizer zahlreiche Stammkunden am Zarenhof, in den Fürstenhäusern und beim Militär. Und dass es so etwas wie Globalisierung schon im 19. Jahrhundert gab, zeigte der Erfolg, den Moser mit seinen Uhren in Persien, China, Japan, New York und Paris hatte. Innerhalb von 15 Jahren avancierte der Uhrenfabrikant zum Marktführer in Russland. Als er Ende 1848 nach Schaffhausen zurückkehrte, war er zwar ein wohlhabender Mann, der hinfort seinen Passionen hätte frönen können. Doch Moser steckte nach wie vor voller Tatendrang. Im Jahr 1851 vollendete er zum Beispiel den Bau eines Kanals im Rhein, außerdem war er unter anderem Mitbegründer der Eisenbahnlinie Schaffhausen-Winterthur. Im Winter 1863/64 begann Moser schließlich mit dem Bau des damals größten Schweizer Dammes im Rhein bei Schaffhausen, mit dem er die umliegenden Industrieunternehmen mit preisgünstiger Antriebsenergie versorgen konnte.
Mit der Enteignung der St. Petersburger Handelsfirma H. Moser nach der russischen Oktoberrevolution und dem Tod von Heinrich Mosers einzigem Sohn ging sowohl die unternehmerische Erfolgsgeschichte als auch die Tradition dieser für den Wohlstand von Schaffhausen so wichtigen Familie zu Ende.
Moser schrieb Industriegeschichte
Viele Jahrzehnte blieb der Name Moser mithin ein Stück Wirtschaftshistorie. Es gibt eine Bronzebüste von Heinrich Moser im Mosergarten von Schaffhausen, es gibt natürlich nach wie vor den „Moser-Damm“ und es gibt den Moserschen Landsitz „Schloss Charlottenfels“ in privilegierter Lage oberhalb von Schaffhausen, der sich heute allerdings in öffentlichem Besitz befindet. Und seit einigen Jahren gibt es sogar wieder Moser Uhren – anknüpfend an die alte Tradition der Feinuhrmacherei und ausgestattet mit technischen Raffinessen, die in den vergangenen Jahren in den einschlägigen Fachmedien für Aufsehen sorgten.
Initiiert wurde die Renaissance der großen Marke von einem kleinen Kreis von Investoren um Roger Nicholas Balsiger, dem Urenkel Heinrich Mosers, und dem promovierten Uhrenfachmann Jürgen Lange. Unter dem Motto „Leidenschaftlich anders – der Tradition verpflichtet“ gründeten sie zunächst die Uhrenfirma Moser Schaffhausen AG. Später kamen die Produktions- und Managementgesellschaft MSG AG, die Produktionsgesellschaft PEG GmbH sowie die Precision Engineering AG hinzu. Alle vier Unternehmen wurden unter dem Dach „Moser Group AG“ vereinigt.
Während sich andere Hersteller schon kühnster Argumente bedienen, um ihren Status als Manufaktur zu rechtfertigen, legt man bei Moser auf diesen Begriff keinen gesteigerten Wert. Im Gegenteil, das Ziel, beinahe alles selbst herzustellen, widerspricht letztlich der einstigen Philosophie von Heinrich Moser. Er war nämlich überzeugt, dass qualitativ hochwertige Uhren nur dadurch entstehen, dass die jeweils besten Zulieferer eng zusammenarbeiten. Jeder macht das, was er am besten kann. Bei Moser gehört zu diesen Spezialitäten zum Beispiel die Herstellung von komplexen Hemmungsbestandteilen. Die Precision Engineering AG verfügt hierzu über international registrierte Marken wie „Nivaflex“ und „Straumann-Spirale“, mit der die Hemmungsbaugruppen aller Moser-Uhren ausgerüstet werden. Mehr noch: Die Hemmungsbaugruppen sind auswechselbar, was sich als besonders servicefreundlich erweist. Bei der Revision der Uhr wird die Baugruppe einfach komplett durch eine gereinigte und regulierte ersetzt.
Auch wenn sich Moser nicht als Manufaktur im traditionellen Sinne versteht und stattdessen auf die Kooperation mit erfahrenen Zulieferern setzt, so erachtet man die eigene Prototypenentwicklung der Uhren dennoch als unerlässlich. Innerhalb der Moser Group hat die MSG diese Aufgabe übernommen. Somit ist es möglich, den Zulieferern klare Vorgaben zu machen und damit ein konstant hohes Qualitätsniveau sicherzustellen.
Die feine Moser-Kollektion
Doch bei aller Freude an technischen Raffinessen: Bei Uhren spielen bekanntlich die Emotionen und damit nicht zuletzt die Anmutung eine wichtige Rolle. Höchste Zeit also, sich mit den verschiedenen Moser-Modellen näher zu beschäftigen. So sehr sie sich im Einzelnen auch unterscheiden mögen, vieles ist allen Uhren dieses Herstellers gemein. Zum Beispiel die Tatsache, dass für die Gehäuse ausschließlich Edelmetalle verwendet werden. Die Moser-Kaliber ticken entweder in Roségold-, Weißgold- oder Platingehäusen. Für die Uhren mit dem erwähnten Fumé-Zifferblatt verwendet Moser Palladiumgehäuse – und damit ein Edelmetall, das hinsichtlich seiner Wertigkeit zwischen Gold und Platin anzusiedeln ist.
Die Modellreihe „Mayu“, benannt nach Charlotte Mayu, der ersten Frau Heinrich Mosers, umfasst mehrere Varianten eleganter und mit einem Durchmesser von 38,8 Millimetern etwas zurückhaltender Handaufzugsuhren mit einer besonders ästhetischen Taschenuhrsekunde. Die Mayu-Uhren weisen eine Gangreserve von 80 Stunden auf. Wer wissen möchte, über wie viel Energie seine Uhr noch verfügt, muss durch das Saphirglasfenster auf die Werkseite schauen. Denn dort – auch ein Ausdruck von diskreter Raffinesse – befindet sich die Gangreserveanzeige. Eine „Mayu“ kostet zwischen 8.200 und 18.700 Euro.
Die Moser Monard fumé im Palladium-Gehäuse
Die Uhren der Modellreihe „Monard“ sind mit einem Durchmesser von 40,8 Millimetern etwas größer. Es handelt sich um klassische Dreizeiger-Uhren mit einem Doppelfederhaus für mindestens sieben Tage Gangdauer nach Vollaufzug. Das Uhrwerk der Monard – Cal. HMC 343.505 - ist ein eigenentwickeltes und nur bei Moser verwendetes Handaufzugswerk mit echten Kegelrädern. Die Preise liegen zwischen knapp 11.000 und rund 15.000 Euro. Für eine etwas höhere Investition bekommt der Uhrenfreund die „Monard“ mit Datum („Monard Date“). Das Besondere dabei ist nicht nur die große und daher bequem ablesbare Datumsanzeige, sondern der ausgetüftelte Mechanismus der Aufzugskrone. Dank dieser „Double Pull Crown“ lässt sich der Kalender über die Krone hin und zurück korrigieren. Dabei läuft der Nutzer nicht Gefahr, versehentlich die Uhrzeit zu verstellen, denn beim Ziehen rastet die Krone automatisch im Datum-Modus ein. Erst wenn die Krone kurz losgelassen und erneut bis an den Anschlag gezogen wird, gelangt man in die dritte Position, in der man die Zeiger verstellen kann. Der abschließende Druck auf die Krone befördert sie wieder in die Aufzugsposition. Die „Monard Date“ bekommt der Uhrenfreund ab 14.200 Euro.
In der Modellreihe „Henry Double Hairspring“ findet man Tonneau-Uhren mit rechteckigem Handaufzugs-Formwerk, die allesamt über die eingangs beschriebene Straumann Double Hairspring Hemmung verfügen. Die Roségold-Variante erhält der Uhrenliebhaber für 12.900 Euro, in der Palladium- und Platinausführung kostet die „Henry“ 18.200 beziehungsweise 18.900 Euro.
Das Flaggschiff der Moser-Familie ist die Moser Perpetual 1 – der wohl einzige Ewige Kalender, den man nicht als solchen erkennt. Zumindest nicht beim ersten Hinschauen. Neben dem großen Datum (bei Moser legt man Wert darauf, nicht von „Großdatum“ zu sprechen) wird der Monat mittels eines kleinen Pfeils aus dem Zentrum des Zifferblatts angezeigt. Weist er zum Beispiel in Richtung „5-Uhr“-Index, so bedeutet dies, es ist der fünfte Monat des Jahres, also Mai. Als einzige Moser-Uhr zeigt die Perpetual 1 die Gangreserve auf dem Zifferblatt an. Dafür gibt es auf der Werkseite eine andere Besonderheit: Dort befindet sich ein Stern mit dem Schaltjahreszyklus, der sich bei Bedarf mithilfe eines kleinen Stiftdrückers an der Außenseite des Gehäuses korrigieren lässt. Vorteil: Selbst wenn der Ewige Kalender aus irgendwelchen Gründen einmal irritiert sein sollte, kann es der stolze Besitzer der Perpetual 1 in den meisten Fällen selbst wieder richten. Bei anderen Uhren mit dieser aufwändigen Komplikation sind in der Regel größere und teure uhrmacherische Eingriffe erforderlich.
Schon kurz nach ihrer Vorstellung wurde dieses Moser-Flaggschiff gleichsam in den Adelsstand erhoben: Die Perpetual 1 erhielt den Grand Prix d’Horlogerie de Genéve und damit den renommiertesten und begehrtesten Preis der Schweizer Uhrenindustrie. Wer sich eine solche Uhr gönnen möchte, muss mindestens 23.800 Euro und etwas Geduld investieren, denn dieses Moser-Modell bekommt man nicht von heute auf morgen. |