Geschrieben von: Michael Brückner   

Manufaktur Lang & Heyne
Uhren für Enthusiasten

Moritz-von-Sachsen

Bild: Lang&Heyne

Man kann trefflich darüber streiten, wann sich Uhrenhersteller mit der prestigeträchtigen Bezeichnung Manufaktur schmücken dürfen. Man kann Grenzwerte festlegen, Interpretationsspielräume ausnutzen, vor Gericht ziehen, den Begriff enger oder weiter auslegen – und auf diese Weise völlige Verwirrung unter den Freunden feiner Uhren stiften. Man kann aber auch mit Marco Lang in den Keller seiner Villa am Stadtrand von Dresden hinabsteigen, wo seine CNC-Maschine und weitere Anlagen zur Herstellung von speziellem Werkzeug stehen. Und man kann dort mit eigenen Augen sehen, was es ganz konkret heißt, eine Manufaktur zu sein.

Marco Lang, der Mann hinter Lang & Heyne, lässt beinahe sämtliche Teile, die später zu einer seiner weltweit geschätzten Spitzenuhren zusammengesetzt werden, im eigenen Haus anfertigen. Dazu gehören unter anderem die Werkplatten, Räderbrücken, Stoppfedern, Schwanenhals-Federn, die kompletten Federhäuser und die spezielle Lang & Heyne-Unruh aus Berylliumbronze. Als besonders diffizil erweist sich das Fräsen der goldenen Moustache-Anker. Nur viel Erfahrung führt dabei zu der gewünschten Qualität. Selbst Schließen und Zifferblätter werden in der kleinen, aber feinen Dresdner Manufaktur gefertigt. „Je größer unsere Fertigungstiefe, desto mehr Spaß haben wir am Bauen“, sagt Marco Lang, der sich selbst als Uhrenkreateur aus Leidenschaft und Tradition bezeichnet.

Leidenschaft wird ihm jeder attestieren, der mit ihm über Uhren spricht. Und was die Tradition angeht, so genügt ein Blick in die Familiengeschichte. Der gebürtige Thüringer ist Uhrmacher in der sechsten Generation. Sein Vater Rolf Lang war bis 1990 Chefrestaurator im Mathematisch-Physikalischen Salon, einer der weltweit führenden Sammlungen für Uhren und feinmechanische Instrumente.

Manufaktur Lang & Heyne

Bild: Lang&Heyne

Uhren-Enthusiasten kennen das: Irgendwann werden sie infiziert. Und gegen die Leidenschaft für feine und außergewöhnliche Zeitmesser ist bis dato noch kein Kraut gewachsen. Selbst wenn es eines gäbe, würden es die meisten Uhren-Liebhaber wohl ohnehin verschmähen. Marco Lang, 1971 geboren, durfte bereits als Kind seinen Vater in die Werkstatt begleiten und dem Meister über die Schulter schauen. In jungen Jahren lernte er dadurch schon wesentliche Grundlagen der Uhrmacherei kennen, so dass die später folgende Uhrmacher- und Feinmechaniker-Lehre in Glashütte an und für sich schon programmiert war. Nach der deutschen Wiedervereinigung sammelte Marco Lang weitere Erfahrungen bei dem norddeutschen Uhrenexperten Ihno Fleßner. Seither hat er eine enge Affinität zu feinen Präzisionspendeluhren, was jeder Besucher sofort feststellt, der sich in seiner Manufaktur umschaut.

Nach Dresden zurückgekehrt, gründete Marco Lang sein eigenes Geschäft und machte sich als Restaurator einen Namen. Doch so leidenschaftlich er diesen Beruf auch ausübte, getrieben wurde er seit seiner Jugend von einem ganz großen Ziel: „Mein Wunsch war es, meine eigenen Uhren herzustellen – und zwar in allen Phasen, von der Idee bis hin zu den tickenden Uhrwerken, die mich vermutlich überleben werden“, sinniert Marco Lang. Als er Anfang 2001 mit Mirko Heyne zusammentraf, der sein Handwerk bei der renommierten Glashütter Manufaktur A. Lange & Söhne erlernt hatte, wurde aus dem Traum Realität: Beide gründeten die Uhrenmanufaktur Lang & Heyne in Dresden.

Weniger ist mehr, noch weniger ist exklusiv

Natürlich hätten sie sich auch im nur rund 30 Kilometer entfernten Glashütte niederlassen können, aber die Entscheidung für die sächsische Hauptstadt hatte auch etwas mit einem Bekenntnis zur Tradition zu tun. „Uhrenfreunde, die mich besuchen, sagen mitunter scherzhaft, Dresden liege doch irgendwo unweit von Glashütte“, berichtet Lang. „Aber ganz im Ernst: Die sächsische Uhrmacherkunst begann in Dresden, eigentlich schon mit August dem Starken und dem Mathematisch-Physikalischen Salon. Neben der Uhrmacherei entwickelte sich hier die Präzisionsuhrmacherkunst zu höchster Perfektion. Namen wie Friedrich Gutkaes und Ferdinand Adolph Lange sind Legende,“ sagt Marco Lang. Wer an diese Tradition anknüpfen möchte, muss fürwahr Außergewöhnliches leisten. Lang hat denn auch einen hohen Anspruch, der sich schon im Ambiente seiner Manufaktur widerspiegelt. Keine Produktionsstätte von Uhren in größtmöglicher Auflage, sondern eher ein Atelier, das dem künstlerischen Anspruch des Chefs und seines Teams gerecht wird. Acht Mitarbeiter fertigen in einer für Außenstehende unglaublichen Begeisterung pro Jahr etwa 40 Uhren. Mehr will Marco Lang eigentlich nicht, denn eine seiner Maximen lautet: „Weniger ist mehr, noch weniger ist exklusiv“. An dieser Exklusivität, verbunden mit kleinsten Stückzahlen, will Lang kompromisslos festhalten. Sein Mitgründer Mirko Heyne setzte wohl etwas andere Schwerpunkte, und so trennten sich die beiden Spitzenuhrmacher im Jahr 2002. Doch im Namen der Manufaktur blieb dieses hochbegabte Duo erhalten.

Marco Lang

Bild: Lang&Heyne

Bis Herbst 2009 hatte Lang & Heyne über 200 Uhren weltweit verkauft. Mehr Exklusivität geht kaum. Es sind die wahren Connaisseurs unter den Uhrenfreunden, die sich eine Lang & Heyne ans Handgelenk legen, oder sie – auch das soll es geben – im Tresor aufbewahren, damit sich später noch Kinder und Enkel an ihr erfreuen können.

Für Exklusivität sorgen schon die Preise: Die Modelle kosteten im Jahr 2009 zwischen gut 22.000 und knapp 60.000 Euro in der Spitze. Ohne Frage eine beträchtliche Investition, doch bei näherem Hinsehen relativieren sich die Preise, zumindest aus Sicht des kundigen Uhrenliebhabers. Denn zum einen sind die Meisterwerke von Lang & Heyne unbestritten in der Spitzenliga der Feinuhrmacherei angesiedelt. Wer realistisch vergleichen möchte, muss daher die großen Manufakturen aus Glashütte und der Schweiz als Maßstab heranziehen. Für den Klassiker von A. Lange & Söhne, die „Lange 1“, zahlt der Uhrenfreund heute ebenfalls deutlich über 20.000 Euro.

Mit aufwändigeren Komplikationen wie einem Ewigen Kalender und einer Mondphasenanzeige versehen, kommt man bei dieser Luxusuhr schnell auf 50.000 Euro und mehr. Die Einsteigermodelle von Patek Philippe sind zwar bereits ab rund 13.000 Euro erhältlich, soll es hingegen etwas Exklusives für höchste Ansprüche sein, bewegen sich die Preise schnell im mittleren bis hohen fünfstelligen Bereich. Hinzu kommen bei Lang & Heyne die bereits eingangs erwähnte Fertigungstiefe und der extreme Zeitaufwand, bis eine Uhr aus dieser Manufaktur ihren Weg zum Kenner antritt.

Individuelle Kreativität und moderne Technik

Traditionsverbundenheit, moderne Technik und individuelle Kreativität wurden in dieser Manufaktur erfolgreich vereint. Die Qualitätsmerkmale sächsischer Uhrmacherkunst erkennt jeder Connaisseur sofort, der einen Blick durch den Glasboden ins Werk wirft. Davon gleich mehr. Doch auch die Namen der Modelle knüpfen an die sächsischen Fürsten und Könige an, die allesamt im weltbekannten Dresdner Fürstenzug – aufgetragen auf rund 25.000 Meißner Porzellanfliesen - zu finden sind. Die Uhren der Manufaktur Lang & Heyne nehmen somit direkt Bezug auf die tausendjährige Geschichte des Fürstenhauses Wettin.

Es entspricht der historischen Logik, dass für Lang & Heyne am Anfang der Kollektion August der Starke steht, dessen Name ein Synonym ist für die barocke Pracht von Dresden. Das Modell „Friedrich August I“ überzeugt – neben dem uhrmacherischen Innenleben – schon durch seine Anmutung. Eine Uhr in Gelb-, Rosé- oder Weißgoldgehäuse mit einem dreiteiligen Emailzifferblatt und in Gold gearbeiteten sowie gravierten Louis-XV-Zeigern. Wer es eine Spur weniger barock mag, kann sich für Birnenzeiger in Gold oder gebläutem Stahl entscheiden.

Das Modell „Johann“ nimmt Bezug auf Johann, König von Sachsen, der als hochgebildeter und kluger Staatsmann in die Geschichtsbücher einging. Dieses Uhrenmodell von Lang & Heyne wirkt im Vergleich mit der „Friedrich August I.“ bei gleichem Gehäusedurchmesser (43,5 Millimeter) etwas zurückhaltender. Schlichte, handgefertigte Birnenzeiger und römische Ziffern unterstreichen die Eleganz dieser Uhr.

Friedrich August

Bild: Lang&Heyne

Kurfürst Moritz von Sachsen ist historisch interessierten Menschen nicht nur als wichtiger Gegenspieler Kaiser Karls V. bei der Reformierung des Reiches bekannt, viele denken bei diesem Namen überdies an das bekannte Gemälde von Lucas Cranach dem Jüngeren, das Moritz in Rüstung zeigt. Lang & Heyne erweist diesem bereits mit 32 Jahren auf dem Schlachtfeld getöteten Kurfürsten mit einer Uhr Reverenz, die eine Komplikation der besonderen Art aufweist: Die Armbanduhren der Modellreihe „Moritz“ sind mit einer Vollkalender- und Mondphasenanzeige ausgestattet. Hinzu kommt die sogenannte Deklination. Auf dem Zifferblatt erscheint bei „12 Uhr“ eine Erdscheibe (wahlweise für die europäisch/afrikanische, asiatisch/australische und die amerikanische Sicht). Sie zeigt den Einstrahlwinkel der Sonne zum Erdäquators an. Die jahreszeitlich schwankende Erde wird dabei von einer Kurvenscheibe gesteuert. Diese hat die Werte des Deklinationswinkels exakt gespeichert. Ein Blick auf die Uhr zeigt, in welchen Regionen sich die Menschen gerade über den Sommer freuen dürfen.

König Albert von Sachsen ging nicht nur als politisch, militärisch und wirtschaftlich erfolgreicher Monarch in die Geschichte ein, sondern zudem als großer Mäzen der Kunst und Kultur. Was also lag näher, als auch ihm eine Uhr zu widmen? Die Modellreihe „König Albert“ von Lang & Heyne ist mit einer Chronographenfunktion ausgestattet, die man allerdings erst auf den zweiten Blick wahrnimmt. Denn die für diese Komplikation üblichen Tasten und Drücker fehlen. Der Grund: Der Chronograph wird über einen in die Krone integrierten Drücker gesteuert. Abgesehen von der dezentralen Sekunde findet man auf dem zweiteiligen Emailzifferblatt keine zusätzlichen Hilfszifferblätter, denn sowohl der Chronographen- als auch der Minutenzählzeiger werden aus der Mitte angetrieben.

Remontoir-Mechanik vom Feisnten

Jüngstes Mitglied in der Lang & Heyne-Kollektion ist das Modell „Konrad der Große“, wobei die Betonung auf „der Große und nicht auf „die Große“ liegt, denn der Gehäusedurchmesser ist mit 39,4 Millimeter kleiner als bei den anderen Modellen. Die Datumsanzeige erfolgt mittels eines Zeigers aus der Mitte. Ist das Ende des Monats erreicht, springt der Datumszeiger auf den Ersten des neuen Monats. Im Inneren der Uhr tickt das Caliber V, das mit weiteren Raffinessen aufwartet. Dazu gehört in erster Linie eine Remontoir-Mechanik auf dem Hemmungsrad. Diese sorgt für ein Höchstmaß an Ganggenauigkeit, unabhängig davon, ob die Uhr nun gerade aufgezogen wurde oder die Kraft bereits nachlässt, weil sich die Gangreserve ihrem Ende zuneigt. „Damit erreichen wir eine gleichbleibende Amplitude der Unruh über die komplette Laufzeit der Uhr und damit ein stark verbessertes Gangverhalten“, sagt Marco Lang.

Konrad

Bild: Lang&Heyne

Womit wir bereits bei den Lang & Heyne-Werken wären. Das Caliber I – das die „Friedrich August I.“ und die „König Johann“ antreibt, ist typischer Ausdruck sächsischer Uhrmacherkunst – unverkennbar dank der vergoldeten Dreiviertel-Platine. Große, in Goldchatons gefasste Rubine bilden einen reizvollen Kontrast zur silbergrainierten Platine. Auch der kleine Lagerstein des Ankers ist golden gefasst und wird durch tiefblaue Schrauben gehalten. Den Höhepunkt bildet jedoch der gefasste Brillant als Krönung der Unruh. Und selbstverständlich gehört zu einem solchen Werk eine Schwanenhals-Feinregulierung. „Obwohl wir eine größtmögliche Fertigungstiefe anstreben, konnten wir natürlich nicht in kurzer Zeit von 0 auf 100 beschleunigen. Daher bauten wir unser erstes Werk kompatibel mit einem ETA-Kaliber, so dass wir einige wenige Rohteile verwenden konnten, die wir natürlich aufwändig und entsprechend der sächsischen Uhrmacherkunst veredelten“, erläutert Lang.

Das Lang & Heyne Caliber III gleich dem Caliber I, allerdings wurde unter anderem der Abstand von Minutenrad und Sekundenrad verkleinert, um Platz zu schaffen für die Hilfszifferblätter der Zusatzanzeigen des Modells „Moritz von Sachsen“, darunter die erwähnte Deklinationsanzeige. Kenner schätzen ferner die Blitzschaltung von Datum und Wochentag, die pünktlich um 0.00 Uhr erfolgt. Dadurch wird einerseits eine mehrstündige Schaltstellung vermieden und andererseits ein problemloses Einstellen des Kalenders den ganzen Tag über ermöglicht. Das Caliber IV schließlich unterscheidet sich schon optisch von den Calibern I und III. Es handelt sich um das Chronographenwerk für die „König Albert“. Die besondere Herausforderung bestand darin, einen Schaltradmechanismus so zu konstruieren, dass sowohl der Chronographenzeiger als auch der Minutenzeiger aus dem Zentrum wirken.

Ganz gleich, um welches Caliber es sich handelt, eine aufwändige Dekoration ist selbstverständlich. Das Finissieren nimmt zeitlich den größten Teil des Herstellungsprozesses in Anspruch. Erst wenn dieses Finish abgeschlossen ist, beginnt die Vormontage, an deren Ende das „Schwingfest“ steht, also die eigentliche Geburt einer Lang & Heyne-Uhr. Danach erfolgt die Endmontage, bevor das tickende Kunstwerk in einem eleganten Kästchen aus einheimischem Kirschen- und Zwetschgenholz die Manufaktur verlässt.

Bestellungen bekommt die Dresdner Manufaktur aus der ganzen Welt. Lang freut sich momentan über ein wieder sehr anwachsendes Interesse in Deutschland. „Bis vor einigen Jahren achteten die Deutschen beim Kauf einer Luxusuhr stark auf einen bekannten, prestigeträchtigen Namen“, sagt Marco Lang, der mittlerweile als Vizepräsident dem Vorstand der Académie Horlogère des Créaturs Indépendants (AHCI) angehört. „Das Fachwissen der Uhrenliebhaber hat auch dank der großen Marken so zugenommen, dass sie unsere Qualität und den künstlerischen Wert unserer echten Manufaktur-Uhren sehr gut einschätzen können. Auch wenn der Umweg oft über den Kauf von Uhren größerer Luxusmarken geht; auf der Suche nach dem Exklusiven und Individuellen erliegen viele Uhrenliebhaber letztlich doch dem Reiz unserer Uhren.“

 
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