Geschrieben von: Michael Brückner   

Erhard Junghans: High mech
aus dem Schwarzwald

Bild: Junghans

Die Wege zu den renommierten Zentren der Uhrmacherkunst führen in der Regel in die Provinz. In die sächsische 8.000-Seelen-Gemeinde Glashütte, wo das Herz der deutschen Nobelticker schlägt und einige der bedeutendsten Manufakturen der Welt ihren Sitz haben, fährt man von Dresden aus eine knappe Dreiviertelstunde durch das Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Zu den führenden eidgenössischen Herstellern – sofern Sie nicht im mondänen Genf domizilieren – muss man sich ins einsame Vallée de Joux wagen. Und das deutsche Traditionsunternehmen Junghans, einst Weltmarktführer unter allen Herstellern von Zeitmessern, befindet sich im zwar recht pittoresken, aber doch weit abgelegenen Schwarzwald-Städtchen Schramberg.

Flaggschiff: Die Erhard Junghans 1

Bild: Junghans

Von Offenburg aus geht die Fahrt durch das Kinzigtal und dann über zahlreiche Serpentinen zum Sitz der Firma Junghans. Die Gebäude auf dem dortigen Betriebsgelände lassen noch etwas von der früheren Größe dieses Unternehmens erahnen. Inzwischen jedoch wurden zahlreiche Immobilien an andere Betriebe vermietet. Das einstige Betriebsgelände ist heute ein Gewerbepark. Beinahe hätte Junghans im Jahr 2008 sogar die letzten Gebäude räumen müssen, denn des wirtschaftliche Schicksal dieser Firma stand vorübergehend auf Messers Schneide. Die Rettung kam in letzter Minute. In den kommenden Jahren soll es nun wieder aufwärts gehen mit diesem ehemaligen Aushängeschild der Schwarzwälder Uhrenfabrikation. Die neuen Modelle der Kollektion Erhard Junghans mit ihren in der Tat beeindruckenden „inneren Werten“ sprechen den anspruchsvollen Uhrenliebhaber an und eignen sich sogar als Wertanlage.

Doch wie gesagt, lange Zeit sorgte Junghans vor allem für negative Nachrichten – mit dem vorläufigen Höhepunkt Ende August 2008, als der Uhrenhersteller Insolvenz anmelden musste. Die Nachricht vom drohenden Aus sorgte deutschlandweit für Aufsehen. Nicht nur, weil rund 110 Jobs auf der Kippe standen. Der Niedergang dieser Traditionsmarke schien vielmehr ein weiterer Beleg dafür zu sein, dass die so lange als stabil geglaubten mittelständischen Unternehmen letztlich doch in den Strudel der im Jahr 2008 ausgebrochenen Finanz- und Wirtschaftskrise gerissen werden. Sogar führende Berliner Politiker meldeten sich telefonisch in Schramberg und fragten besorgt bei der Geschäftsleitung nach, wie ernst die Lage denn wirklich sei.

Und sie war ernst genug, selbst wenn die Insolvenz keineswegs überraschend kam. Eine nicht eben überzeugende Modellpolitik und die Schwierigkeiten der früheren Muttergesellschaft Egana-Goldpfeil, zu der unter anderem auch der Schuhhersteller Salamander gehörte, rissen das Unternehmen immer weiter in die Tiefe. Schließlich holte der damalige Eigentümer den Ex-Chef von Glashütte Original, Heinz W. Pfeiffer, ins Boot. Er sollte dem kriselnden Unternehmen wieder auf die Beine helfen. Doch zu diesem Zeitpunkt war es offenkundig schon zu spät. Als Junghans dann im August 2008 Insolvenz anmeldete, war indessen eines klar: Es würde alles versucht werden, um das Unternehmen zu restrukturieren und wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. In der Tat meldeten sich zahlreiche potenzielle Investoren aus dem In- und Ausland, die starkes Interesse an Junghans zeigten.

Die Erhard Junghans Tempus Gangreserve
gehört zum Uhrenportfolio unseres Autors.

Bild: Brückner

Doch am Ende sollte der Retter aus der unmittelbaren Nachbarschaft kommen: Wenige Monate nach dem Insolvenzantrag übernahm der ebenfalls in Schramberg tätige Unternehmer Hans-Joachim Steim gemeinsam mit seinem Sohn Hannes Steim den schlingernden Betrieb. Beide haben selbst eine enge Affinität zu Uhren – und setzen damit eine Familientradition fort. Schon vor über hundert Jahren belieferte die heute zur Kern-Liebers Firmengruppe gehörende und von Hannes Steim geführte Carl Haas GmbH Junghans mit Präzisionsfedern. Ab dem Jahr 1930 stellte das Unternehmen Nivarox-Spiralfedern für mechanische Uhrwerke her.

Seit der Übernahme firmiert Junghans unter neuem Namen. Das Unternehmen heißt nun „Uhrenfabrik Junghans GmbH & Co KG“. Im Management gibt man sich zuversichtlich und stellt die wohl schwierigste Phase in der Firmengeschichte sogar als Beispiel dar, wie ein Unternehmen gestärkt aus einer Insolvenz hervorgehen kann. „Die Insolvenz bescherte uns eine unglaubliche Medienpräsenz“, berichtet Matthias Stotz, der gemeinsam mit Werner Wicklein die Geschäfte des Uhrenherstellers führt.

Die Schwarzwälder fokussieren sich auf drei Produktlinien, die zum Teil über unterschiedliche Juweliere vertrieben werden. Im Standardsegment Junghans bietet das Unternehmen Quarz- und Funkuhren, aber auch mechanische Uhren an. Preislich liegen diese Zeitmesser zwischen 300 und 1.750 Euro. Besonders gefragt bei den Kunden sind seit einiger Zeit die Modelle aus der Max Bill-Kollektion. Der Bauhaus-Künstler und Designer, der im Dezember 2008 seinen hundertsten Geburtstag hätte feiern können, entwarf für Junghans sowohl Armbanduhren als auch Wanduhren. „Die Stückzahlen in der Max Bill-Kollektion haben sich so gut entwickelt, dass wir beim Einkauf der Werke aus der Schweiz unser Kontingent komplett ausschöpfen. Vermutlich könnten wir noch mehr Max Bill-Uhren verkaufen, wenn wir mehr Werke bekämen“, berichtet Geschäftsführer Matthias Stotz. Die mechanischen Zeitmesser im klassischen Bauhausstil kosten zwischen rund 500 und 1.250 Euro.

Dennoch: Der Freund hochwertiger Luxusuhren aus der Schweiz oder Glashütte interessierte sich in der Vergangenheit kaum für Zeitmesser der Marke Junghans. Man zollte den großen technischen Leistungen, mit denen das Unternehmen früher für Aufsehen gesorgt hatte, zwar durchaus Respekt, doch wer sich Rolex, IWC oder Omega ans Handgelenk legt, wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, sich eine Junghans zu kaufen. Genau diese Zielgruppe möchte das Unternehmen aber künftig verstärkt mit seiner Premium-Linie „Erhard Junghans“ erreichen, benannt nach dem Firmengründer.

Immerhin kann diese Nobelmarke aus dem Schwarzwald mittlerweile auf einen sehr prominenten Träger verweisen. Muss sich Omega zum Beispiel mit George Clooney als Testimonial begnügen, so kann Junghans berichten, dass kein Geringerer als der Papst eine Tempus Automatic trägt. Dabei handelt es sich um das Einsteigermodell in die rein mechanische Linie „Erhard Junghans“. Wer die gleiche Uhr wie der Papst tragen möchte, bekommt sie für knapp 2.000 Euro. Die Tempus gibt es auch mit Gangreserve-Anzeige und Chronographen-Funktion. Für diese Uhren mit aufwändigeren Komplikationen muss der Käufer schon knapp 1.000 oder 2.000 Euro mehr bezahlen, womit er sich durchaus bereits im Luxussegment bewegt. Die Modellreihe Creator 1861 ist preislich noch leicht über der Tempus positioniert. Für die goldenen Varianten müssen bis knapp 10.000 Euro gezahlt werden. Die reservierten Werke für diese Modelle fertigt ein Kooperationspartner nach den Vorstellungen von Junghans.

Erhard Junghans Tempus - Die Papstuhr

Bild: Junghans,  Papstuhr

Wenige Monate vor dem Insolvenzantrag hatten die Schwarzwälder Uhrenbauer auf der BASELWORLD 2008 mit ihrem bislang exklusivsten und auf gerade einmal zwölf Stück limitierten Zeitmesser überrascht: der Erhard Junghans 1 mit dem selbst entwickelten und größtenteils selbst gefertigten Handaufzugskaliber J325. Die Werk-Vollendung erfüllt höchste Ansprüche: handgravierte Unruhbögen mit Feinregulierung, Streifenschliff auf Räder- und Kaliberbrücken, anglierte Kanten, verschraubte Goldchatons, eine perlierte Grundplatine und selbstverständlich gebläute Schrauben. Spätestens mit der Lancierung dieser rechteckigen Uhr im Weißgoldgehäuse machte der Hersteller deutlich, dass er künftig wieder in der Spitzenliga mitspielen möchte.

„Wir haben eine große Vergangenheit, und ich bin sicher, wir werden eine große Zukunft haben“, zeigt sich Geschäftsführer Matthias Stotz überzeugt. Und dann schwärmt er davon, was Junghans in Sachen Feinuhrmacherei alles kann: „Wir fertigen unter anderem die Unruhbrücken, die Räderwerkbrücken und die Kaliberbrücken selbst, machen die Verzahnung sowie die Goldchatons und vieles mehr. Wir haben eine sehr weitgehende Fertigungstiefe erreicht. Die Art, wie wir finissieren, die Kanten anglieren, handgestochene Gravuren ausführen – das ist klassische Uhrmacherei“. Sogar ein renommierter Schweizer Juwelier führe nun wieder Spitzenuhren der Marke Junghans, freut sich der Chef. Für das Flaggschiff Erhard Junghans 1 muss der Uhrenfreund allerdings 16.800 Euro investieren. Dafür ist er dann stolzes Mitglied in jenem exklusiven Dutzend solventer Uhrenkenner, die dieses Meisterstück ihr Eigen nennen dürfen.

Die Kollektion Erhard Junghans wurde im Jahr 2009 um eine viel beachtete Fliegeruhr mit einem imposanten Durchmesser von 46,6 Millimetern erweitert. Der Zeitmesser mit dem vielsagenden Namen Aerious (aerius: lat. „luftig“) ist mit dem Chronographen-Uhrwerk J890 ausgestattet und kostet 3.990 Euro.

Egal, ob es sich um die Tempus Automatic als Einsteigermodell oder um die Erhard Junghans 1 handelt, die Nobellinie der Schwarzwälder soll durch ein hohes Maß an Exklusivität unterstrichen werden. Uhren der Marke Junghans bieten allein in Deutschland rund 450 Händler an. Die Nobelticker von Erhard Junghans indessen vertreiben die Schwarzwälder gerade einmal über rund 30 Konzessionäre in der Bundesrepublik. Das heißt, die Marke Erhard Junghans wird völlig unabhängig von den übrigen Junghans-Uhren vermarktet. Gleiches gilt im Übrigen für die Designer-Uhren von Max Bill.

Nach der abgewendeten Insolvenz geht die Junghans-Geschäftsführung mit großem Selbstbewusstsein in die Zukunft. So betont Matthias Stotz nicht zuletzt die Chancen, die sich durch den neuen Eigentümer ergeben. Ein renommierter Hersteller von Präzisionsfedern einerseits, ein traditionsreicher Uhrenhersteller mit weiter zunehmender Fertigungstiefe andererseits – aus der Addition beider Stärken könnte ein Kompetenzzentrum für wichtige Teile mechanischer Uhrwerke entstehen.

Fazit: Die Übernahme des personell abgespeckten Uhren-Unternehmens durch einen wirtschaftlich gesunden Mittelständler mit viel Know-how war sicher die beste aller möglichen Lösungen. Der Name Junghans stößt bei Verbrauchern mit einem eher pragmatischen Bezug zu Zeitmessern ebenso wie bei vielen Uhrenfreunden nach wie vor auf viel Goodwill.

Mit den Einstiegsmodellen ihrer Premium-Linie Erhard Junghans decken die Schwarzwälder zudem einen interessanten Bereich ab. Sie sind günstiger als die großen Schweizer Marken und überzeugen mit einer ansehnlichen Werkdekoration. Optisch strahlen diese Uhren ein gewisses Understatement aus, obwohl sie mit einem Durchmesser von 42 Millimetern durchaus dem allgemeinen Trend hin zur Größe folgen. Immerhin: Für manchen Uhrenfreund liegt der Reiz mitunter in der Differenzierung. Mögen andere Zeitgenossen Uhren aus der Schweiz oder dem sächsischen Glashütte am Handgelenk tragen, so entscheidet sich der Individualist für High mech aus dem Schwarzwald. Und apropos Glashütte: Schramberg ist immerhin eine Partnerstadt der sächsischen Uhren-Hochburg.

 
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