Der Zeppelin als
fliegender Entschleuniger
Das Geschäft mit den Zeppelinflügen scheint der Konjunkturkrise zu trotzen
Gemächlich und leichter als die Luft über die pittoreske Bodenseeregion schweben – rund 85.000 Menschen aus dem In- und Ausland haben sich diesen Wunsch mit Rundflügen im Zeppelin NT schon erfüllt. Und die Faszination, die von einem solchen Luftschiff ausgeht, scheint sich noch dazu als ziemlich krisenresistent zu erweisen. Jedenfalls hat sich der Konjunkturabschwung bisher nicht auf die Zahl der Buchungen ausgewirkt.
Wer Lust auf einen Flug im Zeppelin NT bekommen möchte, muss nur Thomas Brandt ein paar Momente zuhören: „Man spürt die Elemente, hört ein leises Rauschen, lernt seine Heimat aus der Vogelperspektive kennen und kann dem Piloten jederzeit über die Schulter schauen“, schwärmt der Geschäftsführer der Deutschen Zeppelin-Reederei, einer Tochtergesellschaft der ZLT Zeppelin Luftschifftechnik. Den Menschen in der Bodenseeregion dürfte es nicht allzu schwer fallen, Brandts Begeisterung nachzuvollziehen. Für sie gehört es fast zum Alltag, dass der Zeppelin bei schönem Wetter vom Frühjahr bis in den Herbst erhaben und in beinahe majestätischer Gelassenheit über dem Bodensee und den benachbarten Regionen kreist und sich nur mit einem sonoren Surren bemerkbar macht.
„Der Zeppelin ist ein Entschleuniger. Also das genaue Gegenteil unserer temporeichen und rastlosen Zeit“, sagt Thomas Brandt. Richtig, mit einer Reisegeschwindigkeit von 70 und einer Höchstgeschwindigkeit von 120 Stundenkilometern pro Stunde würde der Zeppelin von jeder S-Bahn abgehängt. Doch den über 85.000 Passagieren, die seit Aufnahme des Flugbetriebs im Jahr 2001 mit dem Zeppelin abhoben, ging es nie um ein schnelles Vergnügen, sondern um die Intensität des Genusses. Und dazu gehört – das wissen nicht nur die Anhänger der Slow-food-Bewegung – bisweilen auch der Mut zur Langsamkeit.
Als in den 1930er Jahren das legendäre Luftschiff „Hindenburg“ den Atlantik überquerte, konnte freilich von Langsamkeit keine Rede sein. Im Vergleich mit den Passagierschiffen war der Zeppelin ausgesprochen schnell und damit so etwas wie der erste Beschleuniger der frühen Globalisierung. „Wir durften schon Passagiere begrüßen, die bereits mit der „Hindenburg“ geflogen sind“, berichtet Thomas Brandt. Sie möchten noch einmal dieses besondere Flugerlebnis genießen – selbst wenn es nicht mehrere Tage, sondern in der Regel nur zwischen 30 und 120 Minuten dauert. So lange ist der Zeppelin NT auf seinen Rundflügen ab Friedrichshafen unterwegs. „Der älteste Passagier war 100 Jahre. Aber der Komfort und der sehr ruhige Flug mit einem Zeppelin lassen das fast lautlose Schweben in ein paar hundert Metern Höhe auch für ältere Gäste zu einem Erlebnis werden“, weiß der Geschäftsführer.
Hubschrauberpiloten sind
besonders gefragt
Der Zeppelin NT unterscheidet sich derweil nicht nur hinsichtlich seiner Größe von den historischen Luftschiffen. Er lässt sich vielmehr dank seiner drei Motoren einfacher manövrieren. „Die ehemaligen Luftschiffer hätten mit unserem Zeppelin vermutlich ein paar Schwierigkeiten. Am liebsten sind uns daher Hubschrauberpiloten, die wir dann in Theorie und Praxis zu Luftschiffern ausbilden“.
Bei gutem Wetter ist der Zeppelin NT pro Tag rund zehn Stunden im Einsatz. Die kurzen Rundflüge führen über Friedrichshafen, Ravensburg oder Schloss Salem, die einstündigen Exkursionen über die Insel Mainau, nach Lindau oder St. Gallen. Und wer dieses ganz besondere Erlebnis 90 oder 120 Minuten genießen möchte, kann unter anderem Dornbirn in Vorarlberg, das Allgäu oder den Rheinfall von Schaffhausen als Ziel wählen. Die Preise pro Person liegen in der Saison 2009 zwischen 200 und 730 Euro. Keine Frage, dafür könnte man mit einem Billigflieger schon sehr viel weiter kommen als nur einmal über den Bodensee. Nur untherapierbare Banausen können aber solche Vergleiche anstellen. Denn der Flug mit einem Zeppelin ist kein einfacher Transport, sondern ein Event für die Sinne. Außerdem herrscht an Bord nicht drangvolle Enge, sondern fast schon familiäre Gemütlichkeit. Gerade einmal zwölf Passagiere finden in der Gondel des Zeppelin NT Platz. Jeder von ihnen sitzt an einem großen Panorama-Fenster und kann auf diese Weise die malerische Bodensee-Region und die beeindruckende Alpenkulisse genießen.
Die Buchungszahlen belegen, dass sich viele Freunde der Luftschiffe dieses Vergnügen durchaus etwas kosten lassen - oder aber bei der Suche nach einem außergewöhnlichen Geschenk gern mal etwas tiefer in die Tasche greifen. Immerhin werden 70 Prozent der Zeppelin-Tickets als Gutscheine verkauft. Bei Unternehmen, die ihren Mitarbeitern ein außergewöhnliches Incentive bieten möchten, sind Flüge mit dem Zeppelin NT ebenfalls sehr begehrt. Denn natürlich können Rundflüge auch exklusiv von Gruppen gebucht werden.
Saison 2009 verlief
bisher durchaus positiv
Spürt die Zeppelin-Reederei so etwas wie eine Wirtschaftskrise, die den klassischen Airlines zurzeit zu schaffen macht? „Was die Passagierzahlen angeht, sind wir hoch zufrieden. Im vergangenen Jahr hatten wir eine Auslastungsquote von rund 99 Prozent. Und der Saisonstart im März 2009 war ebenfalls wieder optimal“. Also ein recht krisenresistentes Nischengeschäft? Nicht in allen Sparten, räumt Thomas Brandt ein. Denn die Zeppelin-Reederei verdient zwar das meiste Geld mit ihren begehrten Rundflügen, daneben wird der Zeppelin NT jedoch als Werbeträger und für Sondermissionen eingesetzt. So war das Luftschiff aus Friedrichshafen zum Beispiel bei der Fußballweltmeisterschaft und beim Papstbesuch in Köln in das Überwachungssystem aus der Luft eingebunden. „Diese staatlichen Aufträge werden langfristig vergeben und sind somit nicht konjunkturabhängig. Deutlich schwieriger geworden ist aber die Vermarktung der Werbeflächen“, betont Brandt.

Angesichts dieser Beliebtheit der Zeppelinflüge bei den Passagieren liegt es nahe, diese Geschäftsidee auf andere Regionen auszuweiten. Schon heute wird das Luftschiff aus Friedrichshafen während der Saison kurzzeitig auf dem Münchner Flugplatz Oberschleißheim und in den Niederlanden für Rundflüge eingesetzt. „Interessant könnten künftig sogar Rundflüge über Venedig sein. Die Lagunenstadt bietet eine attraktive Infrastruktur für den Einsatz eines Zeppelins zur Personenbeförderung“. Dennoch möchte die Zeppelin-Werft nichts überstürzen. Zunächst werde der Neubau in der Friedrichshafener Allmannsweilerstraße fertiggestellt, um den Passagieren die Wartezeit noch komfortabler gestalten und sie optimal bewirten zu können, berichtet Brandt. Diese Investition sei immerhin ein sichtbares Zeichen dafür, dass man an einen dauerhaften Erfolg des Erlebnisfluges mit dem Zeppelin glaube. „Unsere Wunschvorstellung wäre ein weiterer Zeppelin zur Personenbeförderung, den wir dann an anderen Standorten einsetzen würden.
Wir sind gut vorbereitet und könnten - wenn die Sache spruchreif wird - ein solches Luftschiff in etwa einem Jahr bauen“, sagt Brandt. Allerdings werde man die entsprechenden Märkte sehr genau testen, denn Zeppelinflüge seien nun einmal ein Nischenangebot. Vor allem die jüngere Generation könne die Faszination der Luftschiffe oft nicht nachempfinden. „Wir müssen auf diesen fremden Märkten den Zeppelin zunächst populär machen“, unterstreicht der Geschäftsführer. Wer weiß, vielleicht hilft dabei eine Walt Disney-Produktion, die derzeit entsteht. In diesem Film soll ein Zeppelin eine wichtige Rolle spielen. Und damit diese so authentisch wie möglich ausfällt, haben die Produzenten in Friedrichshafen die Original-Zeppelin-Geräusche aufgenommen.
Wenn aus Luftschiffen
Luftschlösser werden
Zeitgemäß sind Zeppeline allemal. Sie fliegen extrem leise und ökologisch. Eigentlich überzeugende Gründe, die für eine Renaissance der Luftschiffe sprechen. An eine Zukunft der Zeppeline als Transportmittel glaubt Thomas Brandt jedoch nicht. Für den Linienverkehr mit Passagieren fehle dem Luftschiff die „Allwettertauglichkeit“. Schon bei den Rundflügen über den Bodensee müssten etwa 30 Prozent der Buchungen aufgrund von schlechten Wetterbedingungen verlegt werden. Schnee, starker Regen, stürmische Böen und Gewitter halten den Zeppelin NT am Boden. Doch wie steht es mit dem Transport von Gütern? Zur Jahrtausendwende sorgte das börsennotierte Unternehmen CargoLifter für Furore, das genau solche Pläne verfolgte: Geplant war ein Luftschiff, das Lasten bis zu 160 Tonnen transportieren sollte. Zunächst schien das alles andere als ein Hirngespinst zu sein. Mit millionenschwerer Unterstützung des Landes wurde in der brandenburgischen Provinz die größte stützenfreie Halle der Welt gebaut. Dort sollte der Super-Zeppelin entstehen und mit seinen Frachtkapazitäten schon bald Schiene und Straßen entlasten. Der Traum vom Luftschiff – er erwies sich indessen am Ende als Luftschloss. Die CargoLifter AG meldete vor rund sieben Jahren Insolvenz an.

„Die ZLT Zeppelin Luftschifftechnik hat die Pläne und Aufzeichnungen im Jahr 2005 aus der Insolvenzmasse von CargoLifter gekauft. Das Projekt war sicher ehrgeizig und für jeden Zeppelinfreund faszinierend, aber mit sehr vielen Fragezeichen versehen. Wichtige technische Herausforderungen wurden nicht gelöst“, sagt Thomas Brandt. Er sieht daher andere Einsatzmöglichkeiten für Luftschiffe: kleine, unbemannte Zeppeline für die Sicherheits-Überwachung aus der Luft zum Beispiel. Längerfristig könnten vielleicht auch die sogenannten Höhenluftschiffe Chance haben, die bis auf 20.000 Meter stiegen und dort als günstige Alternativen zu Satelliten in Betracht kämen.
Die Passagiere im Zeppelin NT hingegen bleiben der Erde näher: In rund 1000 Fuß (etwa 300 Meter) Höhe gleiten sie gemächlich über eine der schönsten Kulturlandschaften Europas. |