Geschrieben von: Michael Brückner   

Von der Flohmarktware
zum Kultobjekt

Special Report: Was die Faszination russischer Uhren ausmacht.

Bild: www.ruwatch.de

Russische Uhren als Luxusprodukte? Davon sind die Zeitmesser aus dem Osten noch weit entfernt – sieht man von ein paar Spitzenprodukten einmal ab. Dennoch gibt es nicht nur in Deutschland eine breite Fangemeinde für diese mechanischen Uhren, die einen sehr attraktiven Gegenwert bei mittlerweile recht guter Qualität bieten. Doch was macht den Mythos russischer Uhren aus?

Es gibt Anrufe, die können ein ganzes (Berufs-)Leben verändern. Als vor über zehn Jahren im Berliner Büro von Robert Karthaeuser nachmittags das Telefon läutete, war es soweit: Ein Mann aus New York brachte mit seiner Hartnäckigkeit den gelernten Betriebswirt auf eine ganz neue Geschäftsidee. Der Amerikaner hatte auf der Internetseite des Deutschen eine Uhr russischer Provenienz entdeckt, die er unbedingt besitzen wollte. Und selbst der wiederholte Hinweis von Robert Karthaeuser, dieser Zeitmesser gehöre zu seiner privaten Sammlung und sei daher unverkäuflich, beeindruckte den Anrufer wenig.

Über eine halbe Stunde erklärte er wortreich, weshalb er diese Uhr unter allen Umständen haben müsse. Soviel Beharrlichkeit verfehlte am Ende ihre Wirkung nicht. Karthaeuser versprach, er werde sich bemühen, eine solche Uhr zu besorgen.

Bild: www.ruwatch.de

„Bis zu diesem Zeitpunkt waren Uhren mein ganz privates Hobby“, berichtet der gebürtige Gelsenkirchner im Gespräch mit der Luxus-Momente-Redaktion. Sein Sammler-Portofolio habe schon damals viele bekannte Spitzenmarken aus der Schweiz und Deutschland umfasst. Es waren wohl Neugier und die Faszination des Exotischen, die Karthaeuser reizten, sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs einige russische Uhren zuzulegen.

„Die erste kaufte ich mir für 85 D-Mark auf dem Flohmarkt mit ambivalenten Gefühlen. Denn eigentlich war das damals unter meinem Sammlerniveau, aber je intensiver ich mich mit diesen Uhren aus dem Osten beschäftigte, desto stärker fesselten mich ihre legendären Geschichten, ihre Vielfalt und das hervorragende Preis-/Leistungsverhältnis, wenngleich damals die Qualität noch zu wünschen übrig ließ“.

Wie aus dem Hobby
plötzlich ein Beruf wurde

Irgendwann in den 1990er Jahren hatte Karthaeuser das Internet als Möglichkeit entdeckt, sein eigenes Geschäft zu gründen. So stellte er für kleinere und mittlere Unternehmen aus Berlin und Umgebung Shopping-Plattformen ins Internet und erschloss für seine Kunden die weltweiten Chancen dieses Mediums. Natürlich promotete er sich auch selbst und seine Dienstleistungen auf seiner Homepage. Dazu gehörte – wie könnte es bei einem begeisterten Sammler anders sein? – die Präsentation von Uhren, die ihm besonders ans Herz gewachsen waren. Darunter einige russische Zeitmesser.

Und dann geschah etwas, das man rückblickend wohl als Wink des Schicksals bezeichnen könnte: Zahlreiche Internet-User meldeten sich und wollten russische Uhren kaufen. Karthaeuser reagierte zwar einigermaßen überrascht, größere Bedeutung maß er diesem ungewöhnlichen Interesse gleichwohl zunächst nicht bei. Bis zu jenem Anruf aus New York – und dem ersten verkauften Zeitmesser aus Russland. „In diesem Augenblick sagte ich mir: Mensch, da geht doch `was. Warum machst du dein Hobby nicht zum Beruf und gründest einen Internetshop für russische Uhren?“ Es blieb nicht nur beim Gedankenspiel, Karthaeuser setzte seine Idee um und hob vor knapp zehn Jahren den Onlineshop www.ruwatch.de aus der Taufe.

„Es war von Anfang an mein Ziel, russische Uhren seriös zu präsentieren und den Kunden gute mechanische Zeitmesser zu einem günstigen Preis zu bieten“. Mit anderen Worten ging es ihm und anderen Anbietern darum, russische Uhren von ihrem „Flohmarkt-Image“ zu befreien, was mittlerweile weitgehend gelungen scheint. „Natürlich halten manche die Zeitmesser aus Russland immer noch für Billiguhren. Das trifft aber heute mit Sicherheit nicht mehr zu. Russische Uhren sind – verglichen mit den Produkten aus Deutschland und der Schweiz – preiswert und bieten einen guten Gegenwert“, sagt Karthaeuser.

Die Nobelticker
aus Russland

Bild: www.ruwatch.de

Wer in seinem Onlineshop stöbert, stößt neben den vielen günstigen Angeboten auch auf Uhren, die man durchaus schon im Luxussegment ansiedeln darf. Dazu gehört zum Beispiel der Chronograph „Nikolaj II“ von Poljot International mit anspruchsvoll dekoriertem Werk und einem Gehäuse aus 14 Karat Roségold – eine Augenweide für jeden Uhrengourmet. Kostenpunkt: knapp 3.000 Euro. Für rund 2.800 Euro bekommt der Uhrenliebhaber den Soyuz Great Eagle Tourbillon. Derlei Preise mögen das Budget vieler Uhrenfreunde vielleicht überschreiten, doch Zeitmesser mit vergleichbaren Komplikationen und ähnlich aufwändiger Verarbeitung kosten aus der Schweiz ein Vielfaches dieser Beträge. Ein besonderes Liebhaberstück ist ferner der Poljot Schiffschronometer 6MX, für den man knapp 3.500 Euro investieren muss.

„Das sind außergewöhnliche Angebote für Individualisten unter den Freunden russischer Uhren. Für sehr schöne Chronographen zahlt man im Schnitt zwischen 300 und 500 Euro, Armbanduhren mit Weckerfunktion sind in der Regel etwas günstiger,“ sagt Robert Karthaeuser. „Viele meiner Kunden kaufen gleich mehrere Uhren, denn die Auswahl ist sehr breit: von der klassischen Drei-Zeiger-Uhr mit manuellem und automatischem Aufzug über Chronographen und mechanische Wecker bis hin zum Tourbillon“.

Bleibt die Frage, was konkret die Faszination russischer Ticker ausmacht. Warum kaufen Sammler edler Markenerzeugnisse, die ansonsten vorrangig in Rolex, IWC, Panerai oder Jaeger LeCoultre investieren, gern auch mal eine russische Uhr zu einem Preis, der unter dem durchschnittlichen finanziellen Aufwand für die Revision eines Schweizer Zeitmessers liegt? Die Vielfalt allein erklärt dieses Phänomen nicht, denn die erweist sich bisweilen eher als hinderlich – Poljot, Vostock, Raketa, Slava, Soyuz, dazu Hunderte von Modellen machen es nicht einfach, den Überblick zu behalten.

Es sind vielmehr die Geschichte und die Geschichten, die zum Mythos der russischen Uhren beigetragen haben. Wer in die Historie eintaucht, stößt ziemlich schnell auf den 20. Dezember 1927. An diesem Tag beschloss die sowjetische Regierung, eine eigene Uhrenproduktion aufzubauen. Die kommunistischen Herrscher wollten unabhängiger werden von Lieferungen aus dem kapitalistischen Ausland. Um diesen Beschluss umzusetzen, kauften die Russen Anfang der 1930er Jahre die US-amerikanischen Hersteller Ansonia Clock Company und Dueber Hampden Watch & Co. Sogar Teile der Belegschaft dieser Unternehmen zogen nach Moskau um und halfen beim Aufbau der russischen Uhrenindustrie. Zunächst indessen mit wenig Erfolg. Die „Erste Moskauer Uhrenfabrik“ produzierte bis zu 85 Prozent Ausschuss. Hilfe kam aus der neutralen Schweiz. Für ein Jahr holten die Sowjets eidgenössische Uhrenspezialisten an die Moskwa, die ihre russischen Kollegen berieten und zu einer spürbaren Qualitätsverbesserung beitrugen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg profitierten die russischen Uhrmacher erneut von ausländischem Know-how: Im Rahmen der deutschen Reparationsleistungen wurden aus dem traditionsreichen Uhrenstandort Glashütte Menschen und Maschinen in die damalige UdSSR abgezogen. Und schließlich kauften die Russen hochwertige Maschinen und Werkzeuge von der infolge der Quarz-Revolution arg gebeutelten Schweizer Uhrenindustrie.

Westliche Uhrenfreunde
kaufen russische Zeitmesser

Bild: ruwatch.de

In Westdeutschland spielten sowjetische Uhren früher kaum eine Rolle – allenfalls bei Menschen mit entsprechender ideologischer Ausrichtung. Jedenfalls wurden zum Beispiel im Jahr 1971 gerade einmal 3.000 Taschen- und Armbanduhren aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland eingeführt. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs machten russische Uhren dann zunächst in Italien Karriere – dem vermutlich „uhrenverrücktesten“ Land Europas. Gleichzeitig kamen immer mehr russische Uhren aus den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten auf die westeuropäischen Märkte, vor allem aus der damaligen Tschechoslowakei.

Doch vermutlich ist es weniger dieser politische und zeitgeschichtliche Hintergrund, der russische Uhren für viele Sammler so anziehend macht. „Diese Uhren haben eine legendäre Geschichte“, weiß Robert Karthaeuser. „Ob im Weltall, im U-Boot oder mit dem Eisbrecher am Nordpol – russische Uhren waren die Ersten“. Der Name des Herstellers Poljot steht heute synonym für Zeitmesser aus Russland. Übersetzt bedeutet dieser Name „Flug“. Gemeint ist damit der erste bemannte Weltraumflug von Juri Gagarin im Jahr 1961. Natürlich trug er eine russische Uhr am Handgelenk. Ihm zu Ehren wurde die „Erste Moskauer Uhrenfabrik“ umbenannt in Poljot.

Auch mit der Marke Soyuz verbindet sich eine interessante Geschichte. Josef Stalin höchstselbst gab den Auftrag, in einer geheimen militärischen Fabrik in der Nähe von Moskau besondere Uhren zu bauen, die allein zur Auszeichnung von Staats- und Regierungschefs dienten. Diese „Soyuz-Uhren“ waren für private Sammler lange Zeit nicht zu haben. Heute gehören zum Beispiel die skelettierte Schaltrad-Chronographen von Soyuz zu den „tickenden Leckerbissen“ aus Russland.

Eine faszinierende Geschichte macht ein Produkt interessant – ohne Frage. Ob freilich der Käufer mit seiner Uhr glücklich ist, darüber entscheidet die Qualität. Wie steht es damit? „Vor zwanzig Jahren, als man russische Uhren auf den Flohmärkten kaufte, war die Verarbeitung mancher Modelle mitunter schon etwas abenteuerlich“, erinnert sich Robert Karthaeuser. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sei den Verantwortlichen aber schnell klar geworden, dass es einer dramatischen Qualitätsverbesserung bedurfte, um russische Uhren im verwöhnten Westen erfolgreich vermarkten zu können. „Tatsächlich ist es den russischen Herstellern gelungen, erhebliche Fortschritte bei der Qualitätsoptimierung zu machen“, sagt Karthaeuser. Trotzdem unterziehe er jede Uhr vor der Auslieferung noch einmal einer genauen Kontrolle, versichert der Berliner Händler. Schließlich wisse er nach mehr als zehn Jahren genau, wo die Achillesfersen seien, und Qualitätsschwankungen kämen immer mal wieder vor. „Ich möchte einerseits, dass meine Kunden zufrieden sind. Und andererseits will ich einen Beitrag leisten, um das Image der russischen Uhren weiter zu verbessern. Deshalb ist größtmögliche Qualität so wichtig“.

Aber natürlich unterliegt jede mechanische Uhr – gleich welcher Provenienz – einem gewissen Verschleiß. Beim Kauf einer russischen Uhr sollte der Kunde daher darauf achten, dass der Händler Reparaturen ausführe, rät Karthaeuser. „Wer will schon seine Uhr für viel Geld nach Russland schicken?“

Dass es indessen schon immer russische Zeitmesser gab, die sich durch unglaubliche Robustheit auszeichneten, davon zeugen die oft sehr persönlichen Erfahrungen von Uhrenfreunden. Michael Philip Horlbeck zum Beispiel, Autor des im Heel-Verlag erschienenen Buches „Der Armbandwecker“, berichtet mitunter im kleinen Kreis von seinen früheren Einsätzen in Afrika, bei denen sich sein russischer Armbandwecker als zuverlässiger und „unkaputtbarer“ Begleiter erwiesen habe.

Kontakt: www.ruwatch.de

 
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