Geschrieben von: Michael Brückner   

Handarbeit von der
Skizze bis zum Stapellauf

Bild: Martin

Yachten von Josef Martin: Schwimmende Träume aus Teak und Mahagoni

Sie gelten als Meisterwerke für Individualisten mit anspruchsvollem Geschmack: Yachten aus der Radolfzeller Werft von Josef Martin.
Wir besuchten den leidenschaftlichen Bootsbauer, der trotz Konjunkturflaute über ein dickes Auftragspolster berichtet. Es gibt Momente, in denen spürt Josef Martin überdeutlich, dass sein Beruf eben sehr viel mehr ist als das, was man gemeinhin als Erwerbstätigkeit bezeichnet. Er ist tiefempfundene Leidenschaft.

Immer dann nämlich, wenn der Bootsbauer aus Radolfzell und sein eingespieltes Spezialistenteam einen neuen schwimmenden Traum aus edlem Mahagoni in monatelanger Handarbeit verwirklicht und ausgeliefert haben, blickt Martin mit etwas Wehmut in die leere Halle. Dank voller Auftragbücher wird sie zwar nie lange leer bleiben, dennoch schwingt beim Stapellauf einer mit viel Hingabe gefertigten Nobel-Yacht immer ein wenig Abschied mit.

Bild: Martin

„Ich verliebe mich in jedes zweite Schiff so sehr, dass ich es gern behalten würde“, sagt Martin. Besonders schlimm war es, als die von Grund auf restaurierte Zwölf-Meter-Yacht „Anitra“ im Herbst 2007 vom Stapel lief. Das Segelboot aus dem Jahr 1928 hatte sich in einem desolaten Zustand befunden, als Josef Martin es Anfang 2003 in den USA erwarb. „Für mein Team und mich war die Restaurierung dieser Yacht die bisher größte Herausforderung“, berichtet der Bootsbauer und Chef der weit über Deutschland hinaus geschätzten Firma Josef Martin-Yachten.

Seine Segel- und Motorboote sind absolute High-End-Produkte, angesiedelt in der Spitze der Qualitätspyramide. Ausschließlich aus feinstem Teak und Mahagoni gefertigt, ziehen die eleganten Yachten aus der Radolfzeller Werft nicht nur die Blicke von Kennern auf sich. Josef Martin hat seinen ganz eigenen, unverkennbaren Stil geprägt: Er liebt bei Segelschiffen fließende Formen, angelehnt an die Tourenboote aus den 1920er Jahren. Ob Segelyacht oder Motorboot, wichtig erscheint dem Radolfzeller der Einklang von moderner Technologie, Präzision und einem ästhetischen Erscheinungsbild. Hohe Ansprüche gelten natürlich gleichermaßen für den Innenausbau. „Wir dürfen nie vergessen, dass wir die Träume unserer Kunden verwirklichen. Deshalb legen wir Wert auf große Liebe zum Detail. Auch bei der Innenausstattung verwenden wir hochwertigste Materialien und setzen Handwerker ein, die genauso leidenschaftlich denken und arbeiten wie ich“, schwärmt Josef Martin.

Ein Jahr vom Erstkontakt
bis zum Stapellauf

Bild: Martin

Jede seiner Yachten ist Maßarbeit. Zunächst diskutiert der Kunde seine Wünsche mit Josef Martin. Viele haben schon sehr konkrete Vorstellungen, lassen sich aber trotzdem gern beraten: „Die Proportionen der Yacht müssen stimmen. Außerdem achte ich auf schöne Linien. Meine Kunden sind sehr anspruchsvoll und spüren sofort, ob ihr Gegenüber von der Materie wirklich etwas versteht“. Früher, als es keine CAD-Programme gab, zeichnete Martin die Pläne für seine extravaganten Luxus-Yachten noch mit Tusche. Hatte der Kunde dann Änderungswünsche, kratzte Martin mit einer Rasierklinge die Tusche-Skizzen von der Folie und begann erneut zu zeichnen. Oft waren es nur Details, doch genau darauf kommt es an bei Yachten in diesem Qualitätssegment. Nicht weniger als 35 Schiffe zeichnete und baute Martin auf diese Weise: Handarbeit von der ersten Skizze bis zur letzten Lackierung. Mitte der 1990er Jahre entschied sich der Bootsbauer dann für neue Wege. Er schloss sich mit einem erfahrenen Konstrukteur aus Norddeutschland zusammen, der seither die technischen Zeichnungen und Berechnungen liefert. Aber das erste Kundengespräch führt Josef Martin immer noch selbst: „Ich höre mir die Wünsche an, berate und mache Vorschläge. Nach vier bis fünf Tagen liefere ich einen Vorentwurf, den ich meinem Partner in Kiel schicke. Er nimmt dann unter Einsatz von CAD die Detailkonstruktion vor. In diesem Prozess stehen wir selbstverständlich telefonisch und per E-Mail in einem engen Austausch. Gebaut wird die Yacht dann wieder hier in Radolfzell“.

Bild: Martin

Vom Erstkontakt bis zur Auslieferung vergeht in der Regel ein Jahr. Doch wer sich derzeit für eine Yacht von Josef Martin entscheidet, muss viel Geduld investieren. Bei einer Bestellung Mitte 2009 kann der Kunde vermutlich erst im Frühjahr 2012 mit seinem neuen Nobel-Boot in See stechen. Keine Krise in Sicht – volle Fahrt voraus: „Tatsächlich haben wir nie ein so dickes Auftragspolster gehabt wie derzeit“, berichtet Josef Martin. Auf den ersten Blick sicher überraschend, denn für eine Yacht aus der Radolfzeller Werft muss man schon mal 600.000 Euro investieren, gern auch 100.000 oder 200.000 Euro mehr. Bei ausgefallenen Sonderwünschen gibt es nach oben fast keine Grenzen. Was sind das für Kunden, die sich scheinbar unberührt von der Konjunkturkrise eine Yacht zum Preis eines recht luxuriösen Eigenheims gönnen? „Fast alle meine Kunden gehören der 60plus-Generation an. Darunter viele Unternehmer, die ihren Betrieb verkauft haben und sich nun nach vielen Jahren harter Arbeit einen Traum verwirklichen möchten“, weiß Martin. Allerdings: Trotz der hohen Investitionen ist es keineswegs so, dass Geld keine Rolle spielte.

Bild: Marin

„Die meisten Kunden sind zwar bereit, für ein maßgeschneidertes Boot von hoher Perfektion einen angemessenen Preis zu zahlen. Aber sie setzen sich dennoch Limits. Dann wird bei dem einen oder anderen Detail der Innenausstattung zum Beispiel eine etwas günstigere Lösung bevorzugt, die allerdings die Qualität des Bootes nicht schmälern darf“.

Insgesamt 85 Schiffe hat Josef Martin bisher entworfen und gemeinsam mit seinen 18 Mitarbeitern gebaut, davon 50 zusammen mit seinem Partner in Kiel. Die meisten verkehren im Bodensee – „in der goldenen Badewanne“, wie ihn der Bootsbauer nennt. Doch in jüngster Vergangenheit mehren sich die Bestellungen aus dem Norden der Republik. Eindeutig dominieren die Segelboote, allerdings hat die Radolfzeller Werft auch schon einige Motorboote ausgeliefert, für die natürlich dieselben Qualitätskriterien gelten wie für die Segelyachten.

Das Meisterstück war schon
eine Mahagoni-Yacht

Wie wird man Edel-Bootsbauer – und noch dazu mit solchem Erfolg? Josef Martin schmunzelt ein wenig: „Eigentlich bin ich in das Geschäft hinein geschlittert. Meine Eltern erwiesen sich dabei als sehr geschickt“. Immerhin, schon der Vater verdiente sein Geld als Bootsbauer und nannte eine kleine Werft mit angeschlossener Ruderbootvermietung sein Eigen. Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb dann an seinen heutigen Standort unmittelbar am See verlegt. Es war ein Familienunternehmen mit allen Pflichten. Der 1950 auf die Welt gekommene Josef musste schon früh mithelfen: Boote vermieten, Ruderboote schleifen und lackieren. Das sollte freilich bleibende Folgen haben: „Für mich stand bald fest, dass ich Bootsbauer werden wollte.

Bild: Martin

Mir blieb nicht viel Zeit, diesen Plan umzusetzen, denn mein Vater wurde krank, und es zeichnete sich ab, dass ich den Betrieb bald würde führen müssen“. Mit 22 Jahren war Martin Bootsbaumeister. Und sein Meisterstück hatte es fürwahr in sich: Eine von ihm selbst gezeichnete und gebaute Mahagoni-Yacht mit acht Metern Länge. Während der junge Meister nach dem Tod seines Vaters den Betrieb weiterführte und sich zunächst um die Liegeplätze und das Winterlager der Boote kümmerte („Schließlich musste ja ein bisschen Geld hereinkommen“), gewann sein Meisterstück mehrere Regatten. Angespornt von diesem Erfolg baute Martin gleich seine zweite Mahagoni-Yacht – dieses Mal immerhin schon mit elf Metern Länge. Mehr und mehr Freunde edler und individueller Yachten wurden auf den Meister aus Radolfzell aufmerksam, in der Werft gingen die ersten Anfragen ein. „Und dann starteten wir bald richtig durch. Wie ein Maßschneider, habe ich die Kunden an mich gebunden. Der Erfolg hatte indessen seinen Preis. Nächtelang habe ich hier gesessen und mit Tusche die Pläne gezeichnet, wieder modifiziert, neu gezeichnet und mit den Kunden diskutiert. Und dann begann die lange Umsetzungsphase bis zum Stapellauf“, erinnert sich Josef Martin.

Wie es scheint, wurde die Leidenschaft für den Bootsbau schon in die dritte Generation weitergegeben. Immerhin studiert der Sohn des Werft-Eigentümers Schiffsbau in Kiel. „Manchmal stellt mir mein Sohn eine Frage und ist dann ganz überrascht über meine Antwort. Woher ich das denn wisse, das hätten sie gerade in der Vorlesung. ‚Ist doch gut’, erwidere ich dann. So weißt du in drei oder vier Jahren soviel wie ich erst nach 40 Jahren“.

Bild: Martin

Bleibt die Frage, weshalb Josef Martin auf Mahagoni-Holz setzt, das er aus Afrika bezieht, weil die südamerikanischen Länder nur eingesägtes Holz, aber keine kompletten Baumstämme mehr exportieren. Ist es nur das schöne Erscheinungsbild eines Mahagoni-Schiffs? „Keineswegs“, entgegnet Martin. „Dieses Holz lässt sich hervorragend verarbeiten, ist leimtechnisch ideal und hat eine überzeugende Festigkeit. Ein solches Boot wird mindestens 100 Jahre alt. Bei guter Pflege sogar sehr viel älter“.

Vor kurzem war sein Meisterstück wieder auf der Werft – zum Abschleifen und Lackieren. Josef Martin sah es mit Wohlgefallen: Die Yacht schaue aus, als sei sie erst vier oder fünf Jahre alt. Ja, auf den Lack kommt’s an. Zumindest bei Mahagoni-Yachten: „Lack ist wichtig als UV-Filter, damit das Holz nicht vergilbt“, gibt Martin den Besitzern solcher Nobel-Boote mit auf den „Wasserweg“. Und das gilt nicht nur für sein Meisterstück, sondern für alle Meisterwerke, die als Stolz der kleinen, aber feinen Werft vom Stapel laufen.

www.martin-yachten.de

 
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